13.11.2011 -341-

Jetzt nur nicht schlappmachen! Die Bullen hatte man souverän und im Wortsinn gegen die Wand gefahren, sie japsten nach Luft, die Schilde zwischen sich und dem Mob, im Rücken die kalten Mauern der „Bauernschenke“. Einzug in den Schankraum mit großem Hallo, die schäumenden Biere standen schon auf den Tischen, es war nicht für alle Platz, aber machte nix, man konnte auch im Stehen einen zischen, für die Schulkinder gabs Cola und für die Hausfrauen hatte Irmi zwei Flaschen Eierlikör aus dem scheinbaren Nichts gezaubert. So ließ es sich leben als bürgerlicher Revoluzzer.

Aber nun merkte Ulrich Hasencamp, wie seine Pumpe verrückt zu spielen begann. Diskrete Frage an den Nebenmann: „Hast deinen Flachmann DOPPELHERZ dabei?“ Der, ein 92jähriger Veteran des Straßenkampfs, nickte nur verständnisvoll und zog das Fläschchen aus dem Mantelsack. Aaaaaah, das tat gut!

Hermine nämlich hatte sich den Hasencamp bei seinem Eintreten sofort gegriffen und dermaßen an die Brust gedrückt, dass deren Warzen in der Brust des Gedrückten einen mittelschweren Tumult in praktisch allen Organen auslösten. Wenn sie mich jetzt noch küsst, wars das, dachte Hasencamp, ein wunderbarer Tod, aber leider ein Tod. Und das musste nicht unbedingt sein. Irgendwie begann doch das Leben gerade erst. Man fühlte sich neugeboren, wiedergeboren, was auch immer, egal: Man lebte plötzlich.

Die Polizei hatte sich verdrückt. Weicheier, Warmduscher, Waschlappen, aber denen würden noch die Augen aufgehen, wenn ihr ganzer Wohlstand in Bälde zusammenbricht und die Anarchie auf den Straßen den ganzen Mann, die ganze Frau erfordern wird. Nein, Hasencamp war kein Illusionist. Die Welt ging gerade den Bach runter, es war hohe Zeit, gegen den Strom zu schwimmen. Er fühlte sich wie ein Jüngling. Zischte sein Pils, wischte sich den Schaum von den Lippen, sah sich um, musterte die drei kolossalen Künstlerinnen mit einem wohligen Schaudern, das „Missbraucht mich, Mädels!“ keuchte. Die drei kolossalen Künstlerinnen musterten wohlwollend zurück. Ulrich Hasencamp hob den DOPPELHERZ-Flachmann und nahm einen mächtigen Schluck. Sollte sagen: Kommt nur, ich bin gewappnet. Eine von den Dreien erhob sich tatsächlich und kam auf Hasencamp zu. Oh. Mein. Gott. Hasencamp lauschte auf das Murmeln in seiner Hose.

„Wo sind eigentlich die Zeitungsheinis?“ Sagte einer und blickte sich um. Die waren doch per Handy informiert worden, die suchten doch ständig nach Schlagzeilen. Hatten aber gekniffen. Keine von diesen Pressenasen. Das konnte nur bedeuten, dass hier große Dinge im Fluss waren, höhere Mächte im Hintergrund die Fäden zogen. Der Kapitalismus? Die FDP? Ja, worum ging es hier eigentlich?

„Die wollen uns mundtot machen, weil wir einer Riesensauerei auf der Spur sind“, erklärte Hermine, als sich der Tumult ein wenig gesetzt hatte. „Ich sage nur: Finanzkrise.“ Alle nickten bitter. Klar, alles drehte sich um die Finanzkrise. Auch Ulrich Hasencamp nickte, aber alles andere als bitter. „Na, was bist denn du für ein mutiger Mann“, raspelte die mächtige Bildhauerin und schob ihre Büste nach vorne, was vollständig unnötig war, sie ragte auch so schon beeindruckend genug in die Landschaft. „Gestatten, Ulrich Hasencamp, Rentner“, stellte sich Ulrich Hasencamp, Rentner vor. „Mit wem habe ich das Vergnügen?“ Hihi, das war jetzt aber ein witziges Wortspiel gewesen! Er hatte das Vergnügen ja noch gar nicht, aber er hoffte drauf. „Nancy“, gab Nancy Halgrimsdottir den Ball zurück. „Du scheinst noch gut in Schuss zu sein.“ Hasencamp nickte. Auch ein witziges Wortspiel, von wegen „Schuss“. „Ja, ich treffe immer noch ins Tor.“

Das war Anmache auf höchstem Niveau, das erinnerte ihn an die Nachkriegsjahre, als man nichts anderes als sein Mundwerk hatte, um die Frauenwelt zu beeindrucken. Die Vergangenheit war soeben zurückgekehrt, Ulrich Hasencamp jauchzte sich einen. „Okay“, sagte Nancy, „dann können wir ja mal ein Spielchen anpfeifen. Das dauert aber 90 Minuten und der Ball ist rund…“ Zwei, dachte Hasencamp atemlos, zwei…

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