14.11.2011 -342-

GAU. Das war ihr persönliches Fukushima oder Tschernodingsbums, wie das damals hieß, schon lange her, wusste kein Mensch mehr. Das Atom konnte man einfach verbieten (hatte sie schweren Herzens getan), man konnte sogar die Schwerkraft, die einen immer so runterzog, kurzerhand verbieten. Aber menschliche Untreue? Das ging nicht. Die Kanzlerin fragte sich, ob sie eine Runde weinen solle. Aus Empörung über so viel Undankbarkeit, versteht sich. Kriesling-Schönefärb, den sie beinahe an Sohnesstatt angenommen hatte, war ihr in den Rücken gefallen. Nicht nur deshalb würde sie sich bitter rächen. Nein, auch und vor allem aus Staatsräson. Wenn ich dich schon nicht verbieten kann, Freundchen, werde ich dich vom Erdboden tilgen. Sorry to say.

Der Rollstuhl des Finanzministers rollte wie ein antiker Kampfwagen aus dem Ben-Hur-Film über den Teppichboden des Krisenzentrums. Die Referenten keuchten per pedes hinterher, sämtlich durchtrainierte junge Männer und Frauen, denen jetzt die Zungen aus den Hälsen baumelten. „Skandal!“ schrie der strenge Mann. Die Luft war zum Schneiden, was nur zum Teil am Altkanzler lag, der, ebenfalls angerollt, sich die Teilnahme an Krisensitzungen irgendwelcher Art seit Mogadishu vertraglich hatte zusichern lassen. GSG 9 einsetzen? Rasterfahndung? Der Altkanzler hustete und rollte neben den Wagen des Finanzministers. „Keine Gnade“, sagte er diskret. Der Finanzminister schüttelte energisch den Kopf. „Keine Gnade“, murmelte er ebenso diskret zurück.

Nichts anmerken lassen, bläute sich die Bundeskanzlerin ein. Dass man menschlich schwer enttäuscht ist, dass man, unter uns gesagt, komplette Scheiße gebaut hat, als man diesen Verräter mit der Handtasche alleine ließ. Aber wer hätte denn ahnen können… Und wieso war niemandem aufgefallen, dass Kriesling-Schönefärb das Bundeskanzleramt mit der auffälligen Handtasche der Kanzlerin verlassen hatte? Wo waren die Beamten des Verfassungsschutzes gewesen? Warum war ihnen der Wicht entkommen, nicht mehr zu orten, einfach weg von der Bildfläche? Da würden Köpfe rollen. Ihr eigener, schwor sich die Bundeskanzlerin, würde wieder nicht dabei sein.

Sie winkte ihre persönliche Referentin zu sich, dirigierte sie in eine halbwegs ruhige Ecke des Raumes, dessen Luft immer penetranter nach Peking an einem nebligen Herbstmorgen stank. „Schon unsere Kontaktperson erreicht?“ Die persönliche Referentin wagte ein schüchternes „Noch nicht“ und errötete, weil sie ihr Versagen persönlich nahm. Die Bundeskanzlerin bemühte sich um optimale Kontrolle ihrer Gesichtsmimik. „Aha“, sagte sie nur. „Weitermachen. Der wird sich doch mit DEN ANDEREN in Verbindung setzen.“ Das sei anzunehmen, bestätigte die persönliche Referentin und war froh, als sich der Kampfwagen des Finanzministers, knapp vor dem des Altkanzlers, in die nun gar nicht mehr so ruhige Ecke rollte. „Wo steckt der Innenminister?“ bellte der Finanzminister, „es geht hier schließlich um die innere Sicherheit! Ich erwarte postwendende Erlaubnis des Einsatzes von Schusswaffen! Wo gehobelt wird…“ Der Altkanzler hinter ihm nickte und erinnerte an die große Hamburger Flutkatastrophe. „Da haben wir auch Fünfe gerade sein lassen, ich kann Ihnen sagen.“ Die Kanzlerin verdrehte innerlich die Augen zum Himmel. Nicht schon wieder dieses Thema. „Ja“, sagte sie, „kein Pardon.“

Endlich betrat ein gehetzter Innenminister den Krisenraum. Ungekämmt, unbefrühstückt, schlechtgelaunt. „Pardon?“ sagte er verwirrt, „ja, äh, also Pardon für die kleine Panne. Ich habe die verantwortlichen Herren vom Verfassungsschutz bereits gefeuert. Aber Entwarnung. Noch wissen wir nicht, wo sich der Verräter aufhält, aber wir sind gerade dabei, eine Spur seiner Spur zu finden.“ Na bravo. Spur seiner Spur. Das hier war schlimmer als Fukushima oder dieses Tscherno… Da gab es genügend Spuren für die nächsten 40.000 Jahre. Die Kanzlerin nickte dem Innenminister dennoch zu. Mitarbeitermotivation nannte sich das, neumodisches Zeug halt. „Ich erwarte Vollzug“, sagte sie mit ihrer bedrohlichsten Stimme.

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