Vorgeschichte

Am 9. Juni 1870 verstarb der große englische Romancier Charles Dickens und hinterließ ein unlösbares Rätsel. Ein Romanfragment, nein, viel schlimmer, ein Kriminalromanfragment, „Das Geheimnis des Edwin Drood“. Ein Mann, besagter Drood, verschwindet spurlos, viel verdächtiges Personal agiert in ebenso vielen, ebenso verdächtigen Szenen, und dann bricht der Text ab, muss abbrechen, denn Tote schreiben keine Krimis. Und das ist worst case at its best: ein Krimi ohne Ende. Darf nicht sein. Also überbietet man sich seit 140 Jahren mit Spekulationen und Lösungsversuchen, der Text wird von – zumeist dritt- bis fünftklassigen Schreibern – „vollendet“, die Fronten sind verhärtet, denn natürlich gibt es auch hier konkurrierende Fraktionen. Grob gesagt: zwei. Die eine mutmaßt, Drood sei Opfer eines Verbrechens mit letalem Ausgang geworden, die andere spekuliert, Drood weile noch unter den Lebenden. Diese Fraktion unterteilt sich erneut: Drood wird gefangengehalten – Drood hält sich versteckt – Drood ist Opfer – Drood ist Täter. Und so weiter. (Mehr zu „Drood“ findet man z.B. hier)

Die anonymen Initiatoren des Edwin-Drood-Projekts sind nicht daran interessiert, sich an diesen Spielereien zu beteiligen, wenngleich sie solche Aktivitäten loben und fördern (siehe „Projekt“). Hier geht es um das Große=Ganze, das, wie ein Dichter einmal sagte, „Bedeutend=Allgemeine“. Das Romanfragment, im 18. und 19. Jahrhundert noch als eigene belletristische Kunstform geschätzt (man denke nur an den großen Jean Paul oder „Tristram Shandy“ von Lawrence Sterne!) hat seinen guten Ruf verloren und gilt als Monument des Versagens. Nur der Tod darf, wie im Falle des Charles Dickens, noch Fragmente produzieren. Gerade im Krimigenre sind diese aber absolutes no-go, wider die Natur gewissermaßen. Wir wollen uns damit nicht abfinden und haben uns daher entschlossen, ein „natürliches Fragment“ herstellen zu lassen, einen nur durch das Ableben des Autors abzuschließenden – und damit eben NICHT abzuschließenden Kriminalroman. Die einzige Konzession an das englische Vorbild: Wie im „Drood“ soll auch hier eine Person verschwinden – und niemals gefunden werden.

Unsere Autorenwahl fiel auf Dieter Paul Rudolph (siehe „Autor“), der mit den Worten „Wenn ihr glaubt, ich mach euch hier den Dickens, dann seid ihr schief gewickelt“) zunächst ablehnte, kurz darauf jedoch mit dem Satz „Okay, was solls“ seine Zustimmung gab. Er stellte folgende Bedingungen, beziehungsweise machte folgende Ankündigungen:

–         Der Autor hat seine Zeit auch nicht gestohlen und ist daher nicht bereit, mehr als 2000 Zeichen plusminus innerhalb von höchstens 30 Minuten pro Tag zu schreiben.

–         Er sucht sich seine Sujets und ihre schriftstellerische Umstellung unabhängig von anderen Meinungen und Vorschlägen aus.

–         Er ist ein realistischer Autor und – Zitat – „haue euch den Text  mit aktuellen Kommentaren und Geißelungen zu Politik, Gesellschaft, Literatur und Fußball voll“.

–         Der Autor droht – Zitat: „Wenn ich auch nur einen schöngeistigen Krimikritiker auf der Seite erwische, puhle ich ihm sein letztes Bisschen Verstand aus dem Hirn, als wärs Popel aus der Nase, nur kleiner.“

Wir mussten dem notgedrungen zustimmen und stellten unsererseits einige wenige Bedingungen:

–         Um sicherzustellen, dass der Autor nicht „vorschreibt“ oder ein bereits vorhandenes und nicht verkauftes Manuskript hier häppchenweise verwurstet, erwarten wir deutliche Hinweise auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Großwetterlage. Geschickt eingebundene Nachrichten aus Deutschland und der Welt, neueste Fußballresultate, der letzte literarische Skandal, als hielte ein Entführungsopfer die neueste Zeitung zum Beleg seiner Nochexistenz in die Kamera – dies mag uns genügen.

–         Die Initiatoren des Edwin-Drood-Projektes behalten sich vor, die Romanereignisse und ihre Umsetzung in eigenen Beiträgen zu kommentieren, Handlungsstränge im Auge zu behalten und, so es notwendig werden sollte – den entstehenden Text kriminalliteraturkritisch zu analysieren.

Der Autor erklärte sich seinerseits bereit, diesen moderaten Forderungen zuzustimmen und sagte zu, am Montag, 22.11.2010 die Arbeit aufzunehmen. Weiterhin wurden vereinbart:

–         der Autor erhält 10 Tage Urlaub im Jahr zur freien Verfügung. An diesen Tagen ist er von seiner Schreibpflicht entbunden.

–         An 7 Tagen im Jahr darf der Autor krankheitshalber die Weiterführung des Projekts unterbrechen. Ein ärztliches Attest ist auf jeden Fall vorzulegen.

–         Anstatt eines Honorars wird es dem Autor erlaubt, in der Rubrik „Handel“ für eigene Produkte zu werben, sofern sie als „Kriminalromane“ zu identifizieren sind. Eine Umwandlung dieses Rechts in Bargeld ist ausgeschlossen.

 

Drood: die letzte Seite

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s