23.08.2012 -600-

Früher war das Leben unkompliziert. Die Bösewichte hatten stechende Augen, die Guten blonde Haare. Geld hieß DM und nicht EURO. In Lebensmitteln gab es keine Schadstoffe, weil nichts davon auf der Verpackung stand. Und Filme waren so komische Rollen, die man aus der Kamera schälte und zum Fotografen brachte. Heute braucht man einen Computer um zu sehen, dass die Bilder leider total verwackelt sind.

Ich stand in meiner Wohnung und konnte die Beklommenheit nicht verbergen. Es sah ganz anders aus als sonst, nämlich ziemlich aufgeräumt. Das Gramm Hasch lag in der Küche, sogar das Geschirr war gespült worden, wahrscheinlich von einer Praktikantin der Polizei. Nur geputzt hatte man nicht. Und dafür zahlte man Steuergelder. Die Kamera lag auf dem Nachttischchen und tat unschuldig. Ich nahm sie vorsichtig in die Hand. Wenn dort Bilder drauf waren, dann hatte sie die Polizei längst gesichtet, oder? Andererseits: Sie war ja nur hier gewesen, um nach Sprengstoff zu suchen. Ich fummelte planlos an den winzigen Knöpfchen und Schälterchen, bis ich endlich ein Bild auf dem Display sah. Herrn Petersen, wie er freundlich lächelnd in die Kamera blickt. Genau. Das Bild hatte Gritli von ihm gemacht, um die Funktionstüchtigkeit des Gerätes festzustellen. Ich blätterte mich durch die Fotos, falls noch welche drauf sein sollten. Es waren welche drauf.
Das erste war eigentlich unspektakulär. Es zeigte –Marxer. Er verließ gerade seine Villa, in einem todschicken Fummel von irgendeinem Pariser Modeschöpfer, ihm auf dem Fuß folgend Olya, eine Reisetasche tragend. Obwohl mir Marxers Anblick naturgemäß Brechreiz verursachte, stand hinter der Fotografie eine schlichte Botschaft: Ich, Petersen oder wie immer ich auch heißen mag, habe euch Brüder alle im Blick, ihr könnt keinen Schritt tun, ohne dass ich euch beobachte.
Das zweite Foto war kryptisch. Ein Strauß roter Rosen, der in einer Vase auf einem Krankenhausnachttisch vor sich hin welkte. Nein, niemand hatte jemals rote Rosen auf meinen Nachttisch gestellt, als ich monatelang im Koma lag. Oder doch? Ich konnte es ja nicht wissen, aber Oxana würde es wissen. Nachher unbedingt anrufen und nachfragen. Nächstes Bild.
Jetzt stockte mir der Atem. Ein Kinderspielplatz, ein Sandkasten, im Hintergrund ein Klettergerüst. Ein Kind, ein Junge mit zerzausten blonden Haaren, etwa fünf Jahre alt, sitzt im Sandkasten und weint. Er hat ein Plastikschippchen in der Hand und schwenkt es drohend Richtung Fotograf. Aus beiden Nasenlöchern kriecht Rotz, den er gleich mit viel Geräusch hochziehen wird. Am Klettergerüst hängt ein kleines Mädchen, auch höchstens fünf, die Kniekehlen um eine Stange, mit dem Kopf nach unten, ihre langen schwarzen Haare erreichen fast den Boden. Das ist Tanja.
Woher ich das weiß? Weil ich das Bild kenne. Der kleine Junge, das bin ich, das Mädchen eine Kindergartenfreundin, Tanja eben, in die ich schrecklich verliebt war und mit der ich gerne anstellen wollte, was alle Liebenden anstellen wollen: ihr einen Lutscher kaufen und hoffen, dass ich auch mal dran lecken darf. Der Fotograf ist mein Onkel Friedrich. Und warum heule ich? Keine Ahnung, wahrscheinlich nur schlecht drauf. Ja, es ist mein Foto. Es hat mich lange begleitet, bis es vor fünf Jahren in den Wirren eines Umzugs spurlos verschwand. Jetzt ist es wieder da. Auf einer Digitalkamera. Von einem Fremden, einem Feind in viele kleine Pixel verwandelt.

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