19.08.2012 -596-

Jetzt also stand er in natura vor mir: Peter Petersen, der stets freundliche und zuvorkommende Angestellte der Firma Knallefix. Er hielt mir etwas entgegen. Nein, es war nicht das Paket mit meiner Kamera. Es war ein Revolver. „Peng“ machte er und drückte ab. „Sehr witzig“, kommentierte ich. „Aber ich rauche nicht, sie können dieses komische Feuerzeug wieder ausmachen.“

Petersen lachte. „Ein Werbegeschenk der Firma Schnell & Fettig, für die ich früher Pizzas ausgefahren habe. Ganz nett.“ Er steckte die Feuerzeugpistole in seine Umhängetasche und zog das Päckchen heraus. Überreichte es mir. „Ich bräuchte dann halt noch Ihre Unterschrift. Sie sind wirklich ein ganz Vorsichtiger, aber ich vermute mal, als Person der Zeitgeschichte muss man das auch sein.“ Ich verweigerte die Antwort und lud Herrn Petersen zu einer Tasse Kaffee ein. Er hatte sie sich redlich verdient. „Da sage ich nicht nein!“ freute sich die freundliche Servicefachkraft und schlüpfte an mir vorbei in die Wohnung. „Da ich – entschuldigen Sie – schon damit rechnete, habe ich es mir nicht nehmen lassen, uns zum gemeinsamen Frühstück ein paar leckere süße Teilchen unten in der Bäckerei zu besorgen. Natürlich auf Kosten der Firma Knallefix, der Kundenzufriedenheit über alles geht, sogar über den Profit.“
Ich war ehrlich gerührt. Wir hatten uns noch nicht gesetzt, als es klingelte. Diesmal war es Gritli Moser. Peter Petersen schien über eine Art sechsten oder siebten oder achten Sinn zu verfügen, er hatte nämlich drei süße Teilchen gekauft, so dass auch die Kommissarin in den Genuss eines solchen kam. Es wurde eine gemütliche halbe Stunde.
„Sagen Sie“, wandte sich ein sichtlich beeindruckter Peter Petersen an Gritli, „als Polizistin kommen Sie doch auch viel rum und sehen manches Elend. Wir sind also – jedenfalls was das betrifft – sozusagen Kollegen.“ Er kicherte. „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass die meisten Menschen eigentlich gar nicht so übel sind, wenn man ihnen mit guter Laune begegnet?“
Dem stimmte Gritli Moser zu, allerdings mit der Einschränkung, dass man an Orten von Verbrechen mit guter Laune kaum weit käme. „Irgendwie wäre es deplatziert, die Frau eines Mordopfers mit einem kräftigen GUTEN MORGEN, SCHÖNER TAG HEUTE zu begrüßen. Finden Sie nicht auch?“ Petersen überlegte. „Aber wenn sie selbst ihren Mann um die Ecke gebracht hat? Dann ist es doch ein ziemlich guter Morgen für sie, oder?“ Wir kauten und nickten. Nicht dumm, dieser Repräsentant von Knallefix.
„Oh“, seufzte er schließlich, „schon so spät! Ich hab noch eine Sendung abzuliefern, hoffentlich geht das schneller. Obwohl: Hat Spaß gemacht mit Ihnen, Herr Klein. Eine logistische Herausforderung, gewissermaßen. Gerne mal wieder.“ Ich wusste nicht genau, ob mir selbst nach einer Wiederholung dieses kleinen Abenteuers war. Wir verabschiedeten uns herzlich, Gritli Moser nickte dem eilenden Boten zu. „Netter Kerl“, sagte sie, als wir alleine waren. „Fast zu nett, oder?“
Mich beschäftigte mehr, dass ich Herrn Petersen ohne eine Trinkgeld hatte ziehen lassen. Sonst nicht meine Art. „Hm“, antwortete ich, „jetzt wo du es sagst… vielleicht sind wir in diesem Land nur nicht mehr dran gewöhnt, dass Service großgeschrieben wird.“ „Oder wir haben es hier mit einem besonders schlauen Gegner zu tun“, konterte Gritli.

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