17.08.2012 -594-

„Wow, das Objektiv ist wirklich klasse. Zoomt ganz elegant und ohne Übergänge, alles rattenscharf.“ Herr Petersen von der Firma Knallefix war begeistert. „Es ist auch bisher nichts explodiert. Soll ich das Teil jetzt mit meinem Handy fotografieren? Und was machen wir dann?“

Ich überlegte. „Schicken Sie mir das Bild von Ihrem Handy auf meins. Moment, ich gebe Ihnen die Nummer.“ Ich gab sie ihm, er notierte sie sich, wiederholte sie, alles korrekt. „Gut, dann drück ich mal drauf, ne?“ Ich verzog mich schleunigst wieder in die Küche. Wartete. Rief, als sich Petersen auch nach zwei Minuten noch nicht artikuliert hatte, ein erwartungsvolles „Und?“ Nichts war explodiert. Aber musste überhaupt etwas explodieren? Vielleicht befand sich in dem Gerät eine kleine, aber letale Dosis Gift, die durch Drücken des Auslösers versprüht wurde? Wahrscheinlich durch das tolle Objektiv, das wie viele andere elektronische Geräte multifunktional war. Two in one sozusagen, klasse Fotos und ein gnädiger Tod.
„Jau“, meldete sich Petersen endlich. „Hab das Foto gemacht. Qualität ist jetzt natürlich nicht so toll, aber wird gehen. Ich schicks Ihnen.“ „Könnten Sie mir auch eins schicken, auf dem ich Sie sehe?“ Petersen überlegte unter Hervorbringung seiner üblichen „Hms“. „Äh, ja, theoretisch schon, aber praktisch wird es schwierig, weil ich keinen Selbstauslöser habe. Ihre Kamera übrigens auch nicht, aber ich denke mal, das gibt es als Zubehör.“ Ich überlegte ebenfalls, ersparte mir aber die „Hms“. „Das ist jetzt blöd, mein Lieber. Sie müssen verstehen, dass ich schon gerne gewusst hätte, wer Sie sind. Rein optisch jetzt. Könnten Sie vielleicht kurz auf die Straße gehen und sich von einem freundlichen Passanten knipsen lassen? Wenn möglich, kaufen Sie sich an der Ecke eine Tageszeitung und halten Sie sie so in die Kamera, dass ich das Datum von heute erkennen kann. Und Ihr Gesicht natürlich. Die Zeitung bezahle ich Ihnen.“
Petersen versprach es, wollte aber zuerst das Foto der Kamera schicken. Ich schaltete mein Handy an und wartete. Ich brauchte nicht lange zu warten. Petersen hatte nicht gelogen. Es war ein wunderhübsches kompaktes Gerät, das da in einer sehr bleichen und haarigen Hand lag, der Petersens. Da ich Eduard Schicks Hände nicht so genau in Erinnerung hatte, konnte ich nicht vergleichen, ob seine und Petersens identisch waren. „So, ich geh dann mal runter“, kündigte Petersen an. „Haben Sie einen speziellen Wunsch, was die Zeitung anbetrifft? Ich meine – Sie bezahlen sie schließlich und wollen sie ganz bestimmt später lesen.“
Ich entschied mich für eine überregionale Zeitung, deren Feuilletonchef jüngst in einem Kriminalroman einen schrecklichen Tod hatte erleiden müssen, was wiederum sämtliche Feuilletons des Landes beschäftigte. Nannte man das nicht ein selbstreferenzielles Verrühren der eigenen Kacke? Oder, wie der Dichter sagt, ein Sich-Suhlen im eigenen Saft? Egal. Die Regionalzeitung hätte ich nicht überlebt.
Ich schenkte mir Kaffee nach, rauchte eine Zigarette und wartete auf Petersen. Dachte nach. Wozu der ganze Aufwand? Ich war mir fast sicher, dass Petersen Petersen war, ein aufopferungsvoller Mitarbeiter der Firma Knallefix, eines aufstrebenden Unternehmens mit völlig undeutschem Kundenservice. Die Vergangenheit hatte mich indes gelehrt, vorsichtig zu sein. Außerdem gefiel mir das Spielchen.

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