15.08.2012 -592-

„Na, is ja komisch“, sagte Herr Petersen von der Firma Knallefix und schob ein „ne?“ nach. „Komisch?“ fragte ich, „definiere komisch.“ Petersen machte „hm“ und führte aus: „Na, Originalverpackung is das schon, aber die is schon mal geöffnet worden. Soll ich sie auch öffnen, oder glauben Sie mir auch so?“ Ich erhob mich vom Flurboden. Es wäre besser, ein paar Meter und Wände zwischen Herrn Petersen und mich zu bringen, bevor er die Packung öffnen würde. „Öffnen Sie“, ordnete ich an. „Aber warten Sie noch einen Moment. Haben Sie übrigens Angehörige, die man benachrichtigen müsste, falls Ihnen etwas zustoßen sollte? Nur mal rein theoretisch und interessehalber gefragt.“

Petersen überlegte, man konnte es durch die geschlossene Tür hören. Dann sagte er: „Hm. Könnte es sein – also jetzt mal ganz theoretisch und interessehalber -, dass sie erwarten, der wie auch immer definierte Inhalt des Päckchens könne explodieren?“ Jetzt lachte ich. „Mensch, Sie benutzen ja sogar noch den Konjunktiv! Auch ein besonderer Service von Knallefix?“ „Nö“, antwortete Petersen, „da ist meine Mutti dran schuld. Immer wenn ich früher den Konjunktiv nicht oder falsch verwendet habe, gabs keinen Nachtisch oder einen Schlag mit der Bratpfanne. Aber meine Frage haben Sie damit noch nicht beantwortet – oder sehe ich das falsch?“
Er sah es völlig richtig. Ich wusste es ja auch nicht. Vielleicht gehörte auch dies zur perfiden Strategie von Schick / Petersen, der an mein Gewissen appellierte, mich moralisch nötigte, ihn das Päckchen nicht öffnen zu lassen, sondern sich damit zufrieden zu geben, seinen Inhalt zu kennen. Allerdings: Warum hatte er mir dann gesagt, dass die Originalverpackung schon geöffnet worden war? Zu viele Fragen, zu viele mögliche Antworten.
„Niemand zwingt Sie, das Päckchen zu öffnen“, sagte ich also. „Auch der Rundumwohlfühl-Service der respektablen Firma Knallefix umfasst nicht die körperliche Versehrtheit ihrer Angestellten oder so.“ „Das find ich jetzt aber sehr lieb und sozial“, gab Petersen zurück. „Aber Sie kennen unsere Kundenphilosophie nicht. Die grenzt fast an Kadavergehorsam, verstehen Sie? Wir würden uns für unsere Kunden auch vierteilen, schänden oder ein paar Derivate der deutschen Bank andrehen lassen. Außerdem vertrauen wir auf die alte Weisheit, dass dort, wo Fotoapparat draufsteht auch Fotoapparat drin ist.“
Ich überlegte, ob ich ihn an die CDU / CSU erinnern sollte, in der angeblich ja auch „Christlich“ drin sein soll. Oder die SPD, wo irgendetwas mit „sozial“ versprochen wird. Verkniff es mir aber. Sagte stattdessen: „Okay, ich habe Sie gewarnt. Aber bitte verstehen Sie, dass ich mich der Kundenphilosophie der Firma Knallefix nicht verpflichtet fühle, unter anderem deshalb, weil ICH ja der Kunde bin. Ich werde jetzt also aufstehen, meine Kaffeetasse nehmen und in die Küche gehen, um mich dort hinter der geöffneten Kühlschranktür in relative Sicherheit zu bringen. Ist das in Ordnung für Sie?“
Es sei in Ordnung, bestätigte Petersen. „Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie soweit sind. Rufen Sie einfach. Ich trete auch zwei Schritte zurück, bevor ich das Päckchen öffne. Und, ach ja, wenn Sie vielleicht im Falle meines Ablebens Fräulein Hildrud Düsterhenn freundlicherweise benachrichtigen könnten? Sagen Sie ihr bitte, dass ich sie immer geliebt habe, auch wenn sie mich nicht geliebt hat und lieber mit diesem Walter Sorglos in die Falle gestiegen ist. Tun Sie das für mich?“ Ich versprach es hoch und heilig, bevor ich mich schleunigst in die Küche zurückzog.

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