13.08.2012 -590-

Es hatte an der Tür geklingelt. Soll vorkommen. Es war Viertel vor sechs. Ist es jeden Tag, ganz normal. Es hatte um Viertel vor sechs an der Tür geklingelt. Oha. Da stimmte was nicht. Ich schlich auf Zehenspitzen in den Flur, legte ein Ohr – es war das linke, mit dem ich besser höre, nachdem ich einmal mit dem rechten zu nahe an einer Lautsprecherbox bei einem Motörhead-Konzert gewesen war – an die Tür und lauschte. Hörte nichts. Ob jemand etwas vor der Tür abgelegt hatte und dann wieder verschwunden war? Wenn ja: Was war da abgelegt worden? Die aktuelle Ausgabe des „Wachturms“ oder ein halbes Pfund Plastiksprengstoff? Und was wäre mir lieber?
Es klingelte abermals. Ich hörte immer noch nichts. Entweder war die Person auf der anderen Seite des leider nicht sehr stabilen Sperrholzes eines dieser lautlosen Phantome, die in schlechten Kriminalromanen mordend durch die Gegend ziehen, oder mein linkes Ohr hatte sich inzwischen auch dafür entschieden, nicht mehr alles zu hören, was auf dieser Welt an Geräuschen gemacht wurde. Verständlich. Und egal. Ich musste etwas tun. Also fragte ich, mit meiner festesten Stimme, „Hallo?“

Die Person vor der Tür räusperte sich und antwortete: „Auch halli hallo. Einen recht schönen guten Morgen, hier ist Peter Petersen von der Knallefix Onlinegeschenkboutique, ich habe ein Päckchen für sie.“ „Legen Sie es vor die Tür“, wies ich Herrn Petersen an. „Uh nee, geht nicht, ich brauche Ihre Unterschrift.“ „Schieben Sie den Wisch unter der Tür durch, ich unterschreibe dann und schiebe zurück.“ „Geht nicht, ich hab so ein Gerät, so was Elektronisches, wissen Sie. Sind Sie noch im Schlafanzug? Macht nix, ich hab schon Männer im Schlafanzug gesehen.“
Das glaubte ich sofort. Und befand mich in einer unangenehmen Situation. Öffnete ich ihm, stand wohlmöglich mein Mörder vor mir. Öffnete ich ihm nicht, würde er behaupten können, der Bundesbeauftragte für das Bürgerglück geniere sich, sich im Schlafanzug zu zeigen, viellelicht, weil der so furchtbar altmodisch und unsexy war. Guter Rat war also teuer, hier schlug die Inflation bereits gnadenlos zu, was ausnahmsweise einmal nicht Schuld der Europäischen Zentralbank war.
„Oder – sind Sie nicht allein? Haben Sie eine Frau bei sich? Einen Mann? Macht auch nix. Als Angestellter der Knallefix Onlinegeschenkboutique bin ich diskret und hab Schweigepflicht. Fast wie ein Arzt.“ Ich nickte, was Petersen nicht sehen konnte. Ich sagte: „Privatsache. Außerdem hab ich nichts bestellt.“ Petersen lachte. „Ja nee, is klar. Aber jemand anderes hat etwas für Sie bestellt. Geschenk halt. Wir von Knallefix sind darauf spezialisiert und garantieren Auslieferung zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wir sind halt die Besten, ne?“
Der konnte mir viel erzählen. „Was ist es denn?“ fragte ich. Wieder lachte Petersen. „Ja nee, weiß ich doch nicht, is doch Geschenkverpackung drum. Wir von Knallefix bieten 27 Motive für…“ „Okay, okay“, unterbrach ich schnell, bevor er mir alle 27 Motive umständlich beschreiben konnte. „Wir machen das jetzt folgendermaßen: Sie öffnen das Päckchen und sagen mir, was drin ist. Ich ermächtige Sie dazu und erzählen Sie mir jetzt nicht, dazu bräuchten Sie auch erst eine Unterschrift.“ Schweigen. Dann: „Hm, eigentlich doch… Aber dafür brauch ich eine auf Papier. Soll ich Ihnen die Ermächtigung unter der Tür durchschieben?“

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