12.08.2012 -589-

Nein, jetzt bitte keinen bedeutungsschwangeren Albtraum! Ich mag es nicht, wenn in Romanen geträumt wird, ich mag es noch weniger, wenn ich im wirklichen Leben träume, mich hin und her wälze – schwül ist es auch noch, ich schwitze, das Bettlaken ist nass, aber es ist nicht der Schweiß des Liebesaktes, sondern dieses synaptischen Feuerwerks in meinem Kopf.

Ich träume von Erdbeermarmelade. Ich sitze in einem See aus Erdbeermarmelade, voll in Glassplittern auch noch, die meinen Hintern ritzen. Die Erdbeermarmelade ist warm, sie wird immer wärmer, bald ist sie heiß. Am Rand des Sees steht Marxer, schallend lachend, während er mit einem Paddel im See rührt wie ein Kannibale in einem Kochtopf. Dämpfe steigen auf, Erdbeermarmeladendämpfe. Was gibt das, wenn es fertig ist? Erdbeermarmelade mit kleinen Moritz-Klein-Brocken, der letzte Schrei in der kulinarischen Frühstücksbranche. Na, danke.
Wie gesagt: Ich mag so etwas nicht. Ich befehle mir aufzuwachen. Denn das ist eine meine großen Stärken: Wenn ich träume, dann weiß ich, dass ich träume und wenn es mir zu bunt wird, schnippe ich mit den Fingern, rufe „Halt!“ und steige aus, das heißt: Ich zwinge mich zu erwachen. Also schnippe ich mit den Fingern und rufe „Halt!“ „Wirklich?“ ruft mein träumendes Ich zurück. „Ja! Und jetzt mach endlich!“
Als ich erwache, dämmert bereits der Morgen heran. Auf den Straßen fahren die ersten Autos und bringen Arbeitnehmer zu ihrer Arbeit, wo ihnen ihre Arbeitskraft abgenommen wird. Im Gegenzug erhalten sie immer wertloseres Papier. Auch hier: Na, danke.
Ich muss aufstehen, muss sofort unter die Dusche, muss ordentlich frühstücken – aber natürlich keine Erdbeermarmelade, ich habe auch gar keine im Haus. Honig wird es auch tun. Keine neue Nachrichten auf meinem Handy, Marxer geht es also gut, der Attentäter hat kein drittes Mal zugeschlagen. Ich frottiere mich sorgfältig, der Kaffee ist inzwischen fertig, ich schalte das Radio an, Dudelmusik überfällt mich wie finstere Räuber einen arglosen Reisenden im tiefen Wald. Ich streiche Honig aufs Brot, ich kaue, ich versuche klar zu denken, was mir aber auch ohne Honig nur selten gelingt. Endlich, Nachrichten. Ich habe die Wahl, leiser zu kauen oder das Radio lauter zu stellen. Ich entscheide mich dazu, leiser zu kauen.
Die Nachricht vom zweiten Marxer-Attentat kommt nach der letzten Euro-Schauermeldung, einer Goldmedaille für Deutschland im Achterrudern mit Pferden auf Fahrrädern, aber wenigstens noch vor dem Wetter. Natürlich gnadenlos dramatisiert, wie es dem Dudelfunk so eigen ist. „Berühmter Schriftsteller und Talkshow-Gastgeber hinterrücks mit einem Glas Erdbeermarmelade massakriert!“ Massakriert? Hier hat wieder die Volontärin die News formuliert. Ich höre mir noch das Wetter an – es bleibt so, wie es ist – und schalte den Apparat aus. Gehe zum Fenster, schaue auf die Straße – keine Presse wartet auf mich. Irgendwie bin ich enttäuscht, nicht einmal PUPS, der News-Blogger hat sich eingefunden. Wahrscheinlich sitzt er zu Hause und freut sich schon mal auf den Pulizer-Preis. Es klingelt an der Tür. Nanu?

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