11.08.2012 -588-

Trotz – oder wegen – des Marxer-Attentats wurde es noch ein netter und gemütlicher Abend. Die Kunde von den Ereignissen hatte natürlich längst die mediale Runde gemacht; vor der „Bauernschenke“ stand sich die Presse auf den Füßen, Blogger bloggten unverdrossen, Twitterer twitterten sich eins, vor allem die Herstellerfirma der bei dem Anschlag verwendeten Erdbeermarmelade stand im Mittelpunkt des Interesses, handelte es sich doch um ein griechisches Unternehmen namens „Drachmentraum“. Wenigstens hier war durch die unerwartete Werbung ein erheblicher Außenhandelsüberschuss für das gebeutelte Land der Hellenen zu erwarten.

Gritli Moser hatte den Tatort professionell abgesperrt und ihren Kollegen bei der Spurensicherung geholfen. Jetzt kam sie zurück in die Schankstube, reagierte auf Fragen Neugieriger mit einem Tunnelblick und setzte sich zu uns an den Tisch. „Komisch“, sagte sie, „die Splitter legen nahe, dass das Glas vor der Tat mit einer Säge oder einem sonstwie dafür geeigneten Gegenstand präpariert wurde. Angesägt, ja. Schon ein ganz leichter Schlag gegen ein hartes Objekt, wie es Marxers Kopf sicher ist, hat das Glas brechen lassen. Dafür sprechen die geraden Bruchflächen. Eine schwere Verletzung sollte also vermieden werden. Ein zweiter Schuss vor den Bug.“
Marxer hatte in der Klinik wieder das Bewusstsein erlangt, wie uns Oxana telefonisch informierte. Ja, sie sitze gerade am Bett des Dichters, dessen Kopf eine Art Turban ziere und der über starke Kopfschmerzen klage. „Aber mehr als eine leichte Gehirnerschütterung ist das wohl nicht. Gritli? Ja, ein Kollege von dir war schon da und hat Marxers Aussage aufgenommen. Er kann sich an nichts erinnern. Ein Schlag gegen den Hinterkopf und dann war zappenduster. Ich bleib noch eine halbe Stunde zum Händchenhalten und komme dann zu euch.“
Wir nippten an unseren Getränken und dachten nach. Jemand wollte Marxer verwarnen und gab sich dabei viel Mühe. Aber warum? „Wir müssen großzügiger denken“, schlug Gritli Moser vor. Großzügiger denken? „Ja“, erklärte sie, „spielen wir das doch einmal durch. Vor knapp sechs Monaten hat es hier im Lokal einen versuchten Massenmord gegeben. Moritz fiel ins Koma – und nichts geschah. Kaum ist Moritz wieder auf den Beinen, gerät Marxer ins Visier eines anonymen Täters. Eins steht fest: Moritz kann dieser Täter nicht sein. Aber du hast etwas damit zu tun. Du bist eine Gefahr – aber nicht, weil du wieder unter den Lebenden weilst, sondern – ich weiß ja auch nicht.“
„Hm“, sagte Irmi nach einiger Überlegung, „vielleicht ist das wie mit diesen Chemikalien. Für sich genommen sind sie harmlos, aber wenn man sie zusammenschüttet… und durch die Tatsache, dass Moritz wieder bei Bewusstsein ist und also die Möglichkeit besteht, dass man ihn quasi mit Marxer zusammenschüttet – ich weiß ja auch nicht.“
Ich schüttelte den Kopf. „Und wieso trifft es dann diesen unterirdischen Unterhaltungsschmierer und nicht mich, wenn alles von mir abhängt, hä? Ich bestehe darauf, das Opfer von Attentaten zu werden! Schließlich bin ich Bundesbeamter!“
Das fand nun niemand am Tisch witzig. Einige in der Nähe herumlungernde Journalisten schrieben es indes eifrig in ihre Blöcke oder sprachen es in ihre Tonbandgeräte.

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