10.08.2012 -587-

Das hatte ich nicht gewollt. Marxer tot zu sehen war etwas anderes als ihn nun wirklich am Boden liegend zu sehen, ganz offensichtlich in einer gewaltigen Blutlache, deren Rot dem des Porsche Konkurrenz machte. Fiktion und Wirklichkeit eben, der Wunsch als Vater des Gedankens, der aber keine Fakten zeugen kann. Das hier waren Fakten: Marxer in Existentialistenschwarz, kurz nachdem ihm jemand die Existenz wie eine Energiesparlampe ausgeknipst hatte.

„Er atmet noch“, sagte Gritli Moser, die neben Marxers regungslosem Körper kniete und den Puls fühlte. „Hat schon jemand einen Notarzt verständigt?“ Hatte noch niemand. Und da zum Auslosen keine Zeit verblieb, erbarmte sich Oxana und kramte ihr Handy hervor. Eine Spur zu umständlich, wie mir schien. Irgendetwas roch hier merkwürdig, als gehöre es nicht hierher. Nach…
„Sag denen, er habe eine Menge Blut verloren“, wies Gritli Oxana an. Blut? Ich schnüffelte. Das hier roch nicht nach Blut, es roch nach… „Erdbeermarmelade“, sagte Irmi, ging in die Knie und steckte einen Finger in die Blutlache. „Ziemlich dickflüssiges Blut hat der Dichter“, murmelte sie, hielt sich den rotgefärbten Finger an die Nase. Dann leckte sie daran. Mir wurde schlecht. „Sag ich doch. Erdbeermarmelade. Aber aufpassen, hier liegen überall Glasscherben rum.“
Marxers bislang regungsloser Körper begann sich zu regen, der Dichter brachte ein Stöhnen hervor. Er war also doch nicht tot, was mich zunächst erfreute, dann aber – siehe den Wunsch als Vater des Gedankens – doch enttäuschte, wofür ich mich aufrichtig schämte. „Bleiben Sie liegen“, befahl Gritli. Marxer stöhnte noch lauter, machte aber keine Anstalten, aufzustehen.
„Wie ich die Sache sehe“, sah Irmi, die sich wieder erhoben hatte, die Sache,“hat jemand unserem Dichter ein Glas mit Erdbeermarmelade gegen den Hinterkopf gehauen oder geworfen. Sieht wie ne Platzwunde aus, ich tippe auf leichte Gehirnerschütterung. Er sollte es überleben. Gott sei Dank haben wir ein Alibi.“ In der Entfernung hörten wir jetzt das Heulen des Krankenwagens. Die „Bauernschenke“ hatte sich entleert, Gäste und Personal standen um den Tatort und unterhielten sich unverschämt laut. „Ist das nicht dieser Marxer? Schon wieder ein Attentat? Mein Gott, armes Deutschland! Sind wir wieder soweit? Werden unsere Dichter wieder verfolgt?“ Ich warf dem Sprecher, einen geringschätzigen Blick zu und murmelte: „Wenn das unsere Dichter sind, dann aber wirklich gute Nacht, Deutschland!“, was eine Frau mit besonders guten Ohren sofort kommentierte. „Sie sind wohl Linkswähler, was?“ „Halt mal die Klappe da hinten“, machte Irmi dem ein Ende. „Attentat Nummer zwei, würde ich sagen, noch dilettantischer als Attentat Nummer eins. Hier wollte jemand nur spielen.“
Der Krankenwagen kam und lud Marxer ein, nachdem man sich davon überzeugt hatte, akute Hilfe sei nicht von nöten und habe Zeit, bis man den Patienten in die Notaufnahme gebracht habe. „Ich fahre mit“, entschied Oxana überraschend. „Schließlich war er mal mein Arbeitgeber, da muss man ein wenig loyal sein.“ Wir hatten nichts dagegen, sahen den Wagen abfahren und gingen zurück in die „Bauernschenke“. Bis auf Gritli, die ihre Kollegen alarmiert hatte und den Tatort sicherte. Der Täter war bestimmt schon über alle Berge.

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