07.08.2012 -584-

Es war mir nicht entgangen, dass Hermine ihren beiden befrackten Domestiken etwas zugeflüstert un diese es dann ebenso geflüstert von Tisch zu Tisch getragen hatten. Sofort sahen die Gäste zu uns her und musterten dieses obskure Pärchen mit einer Blickmischung aus Gaffergeilheit und Sensationsgier. Das also war er, der Idiotendetektiv live, und an seiner Seite, man fasste es kaum, „die rote Baronin“, wie Irmi in Marxers Buch genannt wurde, Ex-Geliebte von Che Guevara, Rudi Dutschke und Franz-Josef Strauß, Femme Fatale der Achtundsechziger, nymphomanisch angehauchte Jeanne D’Arc auf Antibabypillenbasis. Kurz: ein Rasseweib.

„Weißt du jetzt, warum ich nicht mehr gerne hierher komme? Einmal hat mich einer anfassen wollen, so ein neureicher IT-Nerd, weißt, ich sei eine Ikone der geilen Studentenbewegung und ob Jimi Hendrix wirklich so einen langen Riemen gehabt habe et cetera. Na, dem Hänfling hab ich den Marsch geblasen!“
Wir taten so, als bemerkten wir das Interesse unserer Mitgäste nicht. Bier und Eierlikör schmeckten schal, die Speisekarte offerierte „Egg with Speck“, wahrscheinlich hatte Hermine Bacon für einen englischen Künstler gehalten. Wir entschieden uns für „Egg with Truffles“, was sich als Eier mit irgendwas drin entpuppte, das wie falscher Hase mit falschem Kaviar durchsetzt schmeckte. Aber immerhin nur 23,90 kostete, absoluter Schnäppchenpreis. Fünf von diesen Portionen und man wäre leidlich satt.
„Oxana kommt auch“, grinste Irmi. „Ich hab sie eingeladen. Falls Marxer hier auftauchen sollte, gibt es ein heißes Tänzchen mit vager Chance auf Eiertransplantation, ganz im Stil der Speisekarte.“ Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür – und Gritli Moser betrat den Schankraum. Hübsch im Schweizer Minidirndl, kleine Kuhglocken als Ohrringe. Etwas übertrieben schweizerisch, aber wohl genau passend in diesem Ambiente des Geschmacklosen.
„Gut siehst aus“, lobte Irmi und Gritli lächelte. Ein hübsches Lächeln, wie mir sogleich auffiel, sehr warm und ehrlich. „Ich muss doch mal etwas fürs Klischee tun“, sagte die Schweizerin und hatte, wie man den Blicken der Gäste entnehmen konnte, ihr Ziel erreicht. Sie bestellte ein Bier, fragte, ob man Käsefondue bekäme, erhielt eine negative Antwort und entschied sich schließlich für „Wurstbrot prekär“, zwei Scheiben Industriebrot mit Billigbutter und noch billigerer Wurst. Der Befrackte murmelte „Aldibrot“ und schlich von dannen. 12 Euro glatt, auch sehr preiswert.
Hermine war beschäftigt und beachtete uns nicht, jedenfalls nicht auffällig. Ich frage mich, ob Mohamad und Mirjam noch in der Küche arbeiteten, fragte endlich auch Irmi danach, die schüttelte den Kopf. „Nee, die sind gegangen. Mit ihrer Aufenthaltserlaubnis können sie ja jetzt legal arbeiten, ich glaube, Mohamad versucht es als Ingenieur und Mirjam macht irgendwas Soziales. Kannst sie ja selber fragen, ich hab sie übers Wochenende zu mir eingeladen. Wir machen bei mir eine geile Achtundsechzigerparty mit Beatmusik, Salzstangen und Dope. Ihr kommt hoffentlich auch.“
Wir versprachen es und aßen schweigend, was der Befrackte vor uns hin gestellt hatte. Wo blieb Oxana? Wo Marxer? Wir hofften auf ein Spektakel.

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