06.08.2012 -583-

Ich hatte versprochen, Irmi abzuholen. Sie wollte – natürlich nur aus Protest – mit in die „Bauernschenke“ kommen, diesen, wie sie es nannte, „Schickeriatempel, also da schmeckt mir sogar der Eierlikör nicht mehr und du kannst mir glauben ey, das ist eigentlich so unvorstellbar wie ein wahres Wort im Bundestag.“ Wir hatten uns mit einem Küsschen begrüßt, jetzt marschierten wir schweigend unserem Ziel entgegen. „Erschrick nicht“, warnte Irmi, als die „Bauernschenke“ in Sichtweite kam.

Ich erschrak schon, als ich die am Heizpilz rauchenden Gäste musterte. Über die Gesichter der Männer schienen Endlosbänder mit den aktuellen Börsennotierungen zu laufen, während die Gesichter der Frauen aussahen wie aus dem Leistungskatalog der Schönheitschirurgen. Man musterte uns herablassend. Irmi in ihrem weiten bunten Rock, den Palästinenserschal trotz der Schwüle elegant um den Hals geschwungen, mich in meinem 5-Euro-Hemd und der schon antiken Hose, die sich verschämt über die ausgelatschten Turnschuhe legte. „Guck mal, Hubsi, heut ist anscheinend Prollabend“, murmelte eine Blondine unbestimmbaren Alters und Hubsi murmelte „Holla, die versaufen ihr Hartz IV“ zurück. Ich rotzte demonstrativ auf den Asphalt und die Blondine sagte „huch“.
„Huch!“ Das rutschte mir so raus, als ich des Inneren der „Bauernschenke“ ansichtig wurde, wie der Dichter sagt. Wo war die altmodische Möblierung geblieben? Wo das Flair des Morbiden, des Anachronistischen? Keine Ahnung, hier war sie jedenfalls nicht mehr. „Siehste“, nickte Irmi düster, „deshalb sag ich ja, du sollst nicht erschrecken. Hier siehts aus wie ne Kreuzung aus Puff und McDonalds.“ Ein guter Vergleich. Plastikmöbel mit rotem Plüschüberzug, von der Decke baumelte ein Kronleuchter, der in allen Regenbogenfarben vor sich hin funzelte. Aus unsichtbaren Lautsprechern warf sich modernes Liedgut todesmutig in den Raum, man hätte sein eigenes Wort nicht verstanden, wäre man nicht sprachlos gewesen.
Hermine stand – in einem Traum aus Tüll und Nylon – hinter der Theke und fuhr gerade einen befrackten Kellner an, er solle sich seiner roten Gesichtsfarbe entwöhnen, das sei Aufgabe des Hummers, den er gerade serviere. Als sie Irmi und mich erblickte, nickte sie uns kurz zu und winkte einem weiteren Befrackten, der sich sofort und sehr servil näherte. „Haben die Herrschaften einen Tisch bestellt?“ Irmi musterte ihn langsam von oben nach unten. „Ich bestell doch keinen Tisch, wenn ich in ne Kneipe geh, Junge. Wir setzen uns grad hierher und du bringst mal für den Herrn ein Bierchen und für mich einen doppelten Eierlikör.“ Der Befrackte sah hilfeheischend zu Hermine, die ihm mit einem Nicken beschied, das gehe schon in Ordnung.
„Bier kostet übrigens 12 Euro, nur damit du nicht in Ohnmacht fällst, wenn die Rechnung kommt.“ Ich schluckte. Mein Blick schweifte – oder schwiff, wie der Dichter sagt – durch den gut gefüllten Raum, wo sich mir unbekannte Personen lachend vergnügten, Personen, die kennenzulernen mir nicht in den Sinn kam. Menschen mit gebräunter Haut und gegelten Haaren, aufgespritzten Lippen und in Pariser Haute Couture – Fetzen. Kein Zweifel, die gute alte „Bauernschenke“ war DAS In-Lokal der Stadt, meine liebgewonnenen Rentner und die Teilnehmer des Krimi-Volkshochschulkurses suchte ich vergebens. Mein Bier kam. In einem silbernen Becher, dafür ohne Schaum.

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