04.08.2012 -581-

Gritli Moser war nervös und das lag nicht am Wetter. Natürlich vermisste sie die Berge, Berner Oberland, sie liebte die Kälte, den Wind, den Schnee, auch die Sonne, wenn ihre Besuche nicht wie die exaltierter Tanten in Exzessen mündeten. Nein, das war diesmal nicht der Grund. Sie lief in ihrer Wohnung auf und ab, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gut, dass sie Urlaub hatte. Schlecht, dass sie ihr Polizistendasein nicht vergessen konnte. Ganz im Gegenteil. Sie brauchte ihr Gespür, ihr Wissen, ihr Talent. Sie hatte eine Spur. Endlich, nach all den Jahren.

Was Moritz Klein getan hatte, gefiel ihr nicht. Er begab sich in eine Gefahr, die er nicht kannte, er spielte mit dem Feuer. Gut, er war ein Deutscher. Die handelten zuerst und dachten dann, siehe Eurorettung. Oder wie sie gegen Italien im Fußball verloren hatten! Erst die Fehler machen und dann erkennen, dass es Fehler waren. Andererseits brachte Kleins Aktion die Sache vielleicht wieder in Bewegung. Sie würde auf ihn aufpassen müssen und irgendwie gefiel ihr der Gedanke.
Unzählige Male hatte sie die Szenen in ihrem Kopf abspielen lassen. Waldemar, der nur Brötchen kaufen wollte für ein gemütliches Frühstück im Bett. Dann – sie kam gerade aus dem Bad – der Schuss, den sie zuerst für die Fehlzündung eines Autos gehalten hatte, wie man es immer in Kriminalromanen liest. Dann die Unruhe, als Waldemar nicht zurückkam. Die Erinnerung an den Schuss, die aufsteigende Panik – sie hatte sich rasch angezogen, war auf die Straße gelaufen, wo ihr ein Krankenwagen entgegenkam, hinter ihm ein Polizeiwagen, der sofort anhielt, sie kannte den Fahrer. „Vor der Bäckerei da hinten. Jemand ist wohl erschossen worden.“ Sie wusste gleich, wer da auf dem Asphalt lag.
Sie hatten nach einem Motiv gesucht. Wer tötet schon einen Mann ohne Grund? Ein Verrückter? Ein Zufall? Eine Verwechslung? Sie glaubte nicht daran. Woran hatte Waldmar gearbeitet? An unspektakulären Fällen, Einbrüchen, harmlosen Delikten. Feinde? Als Polizist hat man immer Feinde. Aber keinen, der einen Auftragskiller losschickt. Und das es ein solcher war, stand für Gritli fest. Keine verwertbaren Spuren bis auf die Aussagen einer Zeugin, die sich zudem nicht sicher war, wirklich den Täter gesehen zu haben. Jeder noch so vagen Spur war sie nachgegangen, aber ohne Erfolg. Irgendwann war der Fall zu den Akten gelegt worden.
Sie musste ruhiger werden, den Kopf in die richtige Stimmung zum nüchternen Überlegen bringen. Fernsehen. Deutschland schon wieder Gold. War eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, dass Deutsche bei Olympischen Spielen nur Goldmedaillen mit Hilfsmitteln gewinnen konnten? Pferde, Fahrräder, Boote. Andere sprangen einfach ins Wasser und schwammen los oder nahmen ihre Beine in die Hand und liefen was das Zeug hielt. Deutsche brauchten immer Gegenstände. Materialistisches Volk halt, die Besserverdienenden.
Interessierte sie das überhaupt? Nein, klar, überhaupt nicht. Aber es half. Sie wurde ruhiger, döste vor sich hin. Sah Moritz Klein vor sich, der nicht ahnte, in welcher Gefahr er schwebte und in welche er Marxer gebracht hatte. Okay, es gab viel zu viel Krimiautoren auf der Welt, da würde man einen nicht vermissen. Im Gegenteil. Aber es war eine Sache der Moral. Sogar Krimiautoren waren menschliche Wesen. Jedenfalls dann, wenn sie nicht gerade Krimis schrieben.

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