31.07.2012 -577-

Olya gähnte. Sie hatte, nachdem die Handwerker den Schaden auf den Küchenfliesen repariert hatten, diese sorgfältig putzen müssen, obwohl sie doch keine Putzfrau war. Sie sollte eine Gruppe gründen, überlegte sie, einen Namen hatte sie bereits: Putzy Riot. Dafür kam man in Deutschland nicht in den Knast, oder? Sie würde sich schlau machen, denn so ganz traute sie der Demokratie nicht, wenn sie diejenige war, die man auch in der Ukraine hatte.

Wenigstens hatte Deutschland auch nach dem zweiten Olympiatag noch keine Medaille gewonnen. Oh doch, sie liebte Deutschland! Aber die wollten überall die Besten sein, in der Wirtschaft, beim Sparen, beim Fußball, beim Sex. Letzteres hätte Olya gerne getestet, doch ihr Arbeitgeber weigerte sich. Ein Maulheld, ein Sublimeur, wie man sagte, einer, der seine Phantasien auf Papier auslebte. Pech gehabt. Wahrscheinlich hielt er es für politisch nicht korrekt, mit einer ukrainischen Hausangestellten ein Verhältnis anzufangen. So war er, der degenerierte Westen. Aber egal. Sie saß jetzt am Küchentisch und gähnte, wie gesagt. Immerhin: Langweilig war es in diesem Haushalt nicht. Ein Attentat, der Chef ständig im Fernsehen, die Presse lungerte vor dem Haus, auch sie, Olya, war schon des öfteren fotografiert und gefilmt worden, als „die geheimnisvolle glutäugige Schöne“ vorgestellt. Sie erhielt sogar schon Fanpost und Heiratsanträge.
Marxer kam in die Küche, erkennbar schlecht gelaunt. Wahrscheinlich hatte er wieder bei Facebook feststellen müssen, dass die Fanpage „Idiotendetektiv“ mehr „Gefällt mir“-Klicks bekommen hatte als die Fanpage „Konstantin Marxer, Autor des Idiotendetektivs“. Das war ungerecht, dieser Moritz Groß war SEIN Geschöpf, er überlegte sich ernsthaft, ihn im Folgeroman über die Klinge springen zu lassen und durch einen neuen Protagonisten zu ersetzen. Eine Frau, das wäre nicht schlecht.
„Machst du mir bitte nen Kaffee, Oxana?“ Oxana! Olya wurde zornig, hatte Mühe, sich zu beherrschen! Sie war nicht diese Kasachin, diese Lesbe! Dieses sodomitische Steppenweib! Sie war eine RICHTIGE Frau, sie würde es diesem Spinner eines Tages beweisen. „Natürlich, gerne“, antwortete sie zuckersüß und lächelte. Marxer sah es nicht einmal. Er hockte sich an den Küchentisch und grübelte. Vielleicht hatte er Angst?
Die Polizei hatte sich geweigert, Marxer Personenschutz zu gewähren. Ein Streifenwagen sollte mehrmals am Tag demonstrativ an der Villa vorbeifahren, ansonsten hielt man das Attentat für den Streich dummer Jungen. Unglaublich! Man hatte sogar angedeutet, die Tat sei doch im Sinne Marxers und seiner Ambitionen… Sofort war Marxer erzürnt aufgesprungen und hatte mit seinen Anwälten gedroht. Half alles nichts. Auch die Medien spekulierten längst, Marxer habe den Anschlag selbst inszeniert. Obwohl… das war nicht schlecht. Kriminalschriftstellern traute man alles zu.
Immerhin, Kaffee kochen konnte diese Olya. Er schenkte ihr generös ein Lächeln, nicht zu viel, damit sie sich keine falschen Hoffnungen machte. Er verspürte eine beunruhigende sexuelle Unlust, schob es auf sein fortgeschrittenes Alter, korrigierte sich dann aber schnell. Nein, das lag nicht am Alter. Er war halt Schriftsteller, gute Autoren brauchten keinen Sex, die hatten Papier und Stift, auch wenn Papier und Stift längst die Form eines Computers angenommen hatten. Diese Überlegung musste er in seinen neuen Roman einbauen. Einen Roman ohne Sex, das hatte was, das war total sexy.

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