30.07.2012 -576-

„Du benimmst dich wie ein kleiner dummer Junge!“ Hermine war laut geworden, ihre Augen musterten mich abschätzig. „Kein Wunder, dass du es zu nichts bringst. Einfach kein Gespür fürs Business! Ich biete dir 200 bar auf die Kralle, du musst einfach nur rumsitzen und rumnicken, das machst du doch dein ganzes Leben lang völlig umsonst.“ Ich sah zur Decke und pfiff ein flüchtiges Liedchen. Aussitzen. Einfach aussitzen und so tun, als sei Hermine nicht vorhanden. Gut, das fiel mir schwer, aber so schwer nun auch wieder nicht. Hermine stand schließlich auf und rauschte mit einem herzhaften „Idiotendetektiv! Selten hat ein Krimititel so gepasst!“ von dannen.

„Wow“, kommentierte Annamarie Kainfeld, „was war das denn?“ Ich erklärte es ihr. „Mein Gott, Sie sind wirklich ein komischer Typ“, reagierte meine Sekretärin. Das war, wenn ich es genau nehmen würde, eine veritabler Kündigungsgrund, schließlich war ich ihr Vorgesetzter. Ich nahm es aber nicht so genau, sondern sah wieder zur Decke und pfiff wieder ein Liedchen. Nahm mir noch einen Kaffee und verfügte mich in mein nun erfreulich stilles Büro, um mich dem zu widmen, was meine Arbeit war.
Eduard Schick. Wenn stimmte, was ich mir zusammenreimte, dann würde dieser ominöse Mann, der Marxer einen Cocktail spendiert hatte, noch einmal zuschlagen. Das hier war eine Warnung gewesen, nichts weiter. Aber Marxer wusste gar nicht, wer ihn da wovor warnte. Alles reiner Zufall. Das wiederum wusste Schick nicht. Am wenigsten jedoch wusste ich, nämlich so gut wie gar nichts. Wie sollte ich eine Spur des Burschen finden? Kurz entschlossen rief ich Gritli Moser an.
Die verbeamtete Schweizerin meldete sich knapp mit „Hallo“ und hörte mir dann geduldig zu. Sagte schließlich „Aha, interessant“ und bat mich, ihr eine genaue Beschreibung des Eduard Schick zu geben. „Er hat sich ja in der Klinik aufgehalten. Irgendjemand muss ihn gesehen haben. Ich werde ein paar Praktikanten losschicken, um Zeugen aufzutreiben.“ Sie hatte Recht. Man tauchte nicht so einfach auf und verschwand so einfach wieder. Ich verabschiedete mich von der Kommissarin und surfte durch die Weiten des Internet. Twitter. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Wenn mich Schick auch hinsichtlich seiner Identität belogen hatte, in einem waren seine Informationen korrekt gewesen: Twitter war furchtbar. Früher jammerte man im stillen Kämmerlein über die Welt, heute twitterte man. Natürlich wurde nicht nur gejammert. Genauso reichhaltig vertreten waren Selbstbeweihräucherungen, Eigenwerbungen, sexuelle Anmache oder einfach nur der Hang zur Banalität. Menschen standen morgens auf, stolperten über ihre Hausschuhe und taten es sogleich der Welt als eine unerhörte Nachricht kund. Man wunderte sich, warum solche Katastrophen nicht regelmäßig in der „Tagesschau“ vermeldet wurden. Stattdessen solche Petetitessen wie „Deutsche Schwimmer gehen bei Olympia baden“ oder „1000 Tote in Aleppo und die Welt schaut gähnend zu“. Kein Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.
Eine geschlagene Stunde klickte ich mich durch das persönliche Weltelend, all die Depressionen und sonstigen seelischen Schmerzen, von Eduard Schick indes keine Spur. Was mich nicht wirklich wunderte. Wahrscheinlich hielt ich mich nur deshalb bei Twitter auf, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Und genau deshalb hielten sich wohl die meisten dort auf. Sie wussten einfach nicht, wie sich sonst die Zeit am besten totschlagen ließ.

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