29.07.2012 -575-

Auf dem Schleichweg über die Hinterhöfe erreichte ich mein Büro. Nicht nur Annamarie Kainfeld erwartete mich, mit ihr im trauten Zwiegespräch Hermine, frisch frisiert im Businessanzug, nur die Krawatte fehlte. „Da bist du ja endlich. Zeit ist Geld, mein Lieber. Hol dir ne Tasse Kaffee, wir müssen etwas Geschäftliches besprechen.“ Ich kann nicht behaupten, dass mir die Verwandlung meiner nun wahrscheinlich Ex-Lebensgefährtin gefiel. Von der kecken Aldi-Verkäuferin zur taffen Gastronomie-Managerin, nein, bei aller Emanzipation, aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Frauen sollen ruhig Karriere machen, aber hey, das ist noch lange kein Grund, mir den Beischlaf zu verweigern.

Ich holte mir wie befohlen einen Kaffee und begab mich in Hermines Schlepptau in mein Büro, das sofort ihr Büro wurde. „Setz dich, wir müssen reden.“ Ich setzte mich und sie redete. „Du hast ja schon gemerkt, dass sich unser Verhältnis… nun ja, ich mag dich noch immer, so ist das nicht, aber meine Karriereplanung hat dich im Moment leider nicht auf der Agenda, mein Lieber. Oder um es noch genauer zu sagen: Du bist gerade nicht ein Must-Have, keine Win-Win-Situation.“ Genauso hätte ich es auch ausgedrückt. Trotz des Kaffees fühlte sich mein Mund trocken an und ich schwieg. Was aber egal war, denn Hermine redete weiter.
„Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht auf einer mehr pragmatisch-geschäftlichen Ebene miteinander verkehren können.“ Das Wort „verkehren“ assoziierte sich sofort mit ziemlich schlimmen Dingen, die noch ziemlicher utopisch geworden waren. Ich entschied mich, stumm zu nicken. „Schön, mein Lieber, dass du das genauso siehst. Du bist ja inzwischen eine ziemliche Berühmtheit – und ich brauche Berühmtheiten, wenn ich die Bauernschenke lifestylemäßig auf die Number One heben will. Das verstehst du. Also? Bereit zur Koopereeeschän?“
Was hätte ich antworten sollen? Ich musste nichts antworten, denn der Redefluss Hermines bahnte sich weiter seinen Weg durch meine beiden Gehörgänge. „Ich hab mir überlegt, dass es doch eigentlich ganz nett wäre… ich meine… Konstantin will am Samstag aus seinem Roman lesen… du weißt schon, aus welchem… und nachdem was passiert ist, also dieses Attentat…“
Ich stand abrupt auf, nachdem ich noch abrupter meine Kaffeetasse auf den Schreibtisch geknallt hatte. „Ich verbiete dir, in meinen Büroräumen den Namen dieses Schmierfinks auch nur zu denken! Und von wegen Koopereeeeschän! Mit dem? Was soll das werden? Soll ich bei der Lesung blöd danebensitzen und mich von diesen Blödmännern und –frauen, die für solchen Mist ihre Zeit opfern, angaffen lassen? Darf man mich auch anfassen und füttern oder was?“
„Hm“. Hermine überlegte. „Keine schlechte Idee. Ich könnte kleine Portionen von deinem Lieblingsessen anbieten, Makkaroni mit Tomatensoße… Haben dann praktisch alle was davon. Die Besucher haben ihr Event, ich mach Kasse und du wirst gratis pappsatt. Du hast manchmal richtig gute Ideen.“
Meine beste Idee wäre es gewiss gewesen, Hermine zu bitten, mein Büro zu verlassen. Ich brachte es in Erinnerung besserer und intimerer Zeiten nicht übers Herz. „Vergiss es. Mit dem unter einem Dach? Nur über meine Leiche.“ Hermines Mimik ließ mich befürchten, sie halte das für eine überdenkenswerte Alternative.

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