27.07.2012 -573-

Unsere Textexegese endete ergebnislos, im Gegensatz zur ausgiebigen Interpretation des kasachischen Waldbeerencocktails, der mit stärkeren Kopfschmerzen zu enden versprach. „Was für ein widerwärtiger Mist!“ schimpfte Oxana mit bereits äußerst schwankender Stimme. „Wohl wahr!“ schwankte meine Stimme die passende Antwort.

„Lies nur mal den Unsinn hier!“ Oxana holte tief Luft und rezitierte: „Die schwarzen Augen Dr. Nomoneys funkelten wie Edelsteine in der Dunkelheit. Sein Atem stank nach Tod und Schrecken. Moritz Groß stand kurz davor, seine schlotternde Hose mit den Abfallprodukten seines aus Pizzazunge, Kebab und Erdbeereis bestehenden Mittagessens zu füllen.“ Wir sahen uns an und beschlossen, unseren Ekel durch Abkotzen zu manifestieren. „Und so etwas verkauft sich echt? Unfassbar! Wer liest das? Sind die Konsumenten eines solchen Drecks wirklich so zahlreich und naiv?“ Oxana hob und senkte ihre hübschen Schultern. „Aber klar doch. Sind die gleichen Leute, die sich ohne Protest von den Finanzgangstern ausnehmen lassen. Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Ergänze: Nur die allerdümmste Mimi liebt den flachen Marxerkrimi.“
Wahrscheinlich war es keine gute Idee gewesen, sich mit dem „Idiotendetektiv“ zu beschäftigen, immerhin hatten wir einen Vorgeschmack auf das bekommen, wofür Masochisten viel Geld hinblättern. „Richtig schmierig, wie dieser Heini auch vorgibt, etwas von Internet oder so zu verstehen. Hör dir mal das an.“ Oxana räusperte sich und las: „Mit einem teuflischen Lächeln schaltete Dr. Nomoney seinen Laptop ein und rief die Twitterseite auf. Es bereitete ihm ein höllisches Vergnügen, die intimen Gedanken ihm wildfremder Menschen zu verfolgen, Menschen, die er eines nicht zu fernen Tages zu manipulieren gedachte.“ Sie trank einen großen Schluck. „Dabei hält der Typ Twitter für einen neuen Gesellschaftstanz!“
„Moment mal…“ Etwas in mir erinnerte sich vage, doch der kasachische Waldbeerencocktail verhinderte noch erfolgreich die Identifizierung. Twitter… „Lies mal weiter“, bat ich Oxana. Die sah mich überrascht an und las weiter.
„Labile Menschen waren das, Selbstdarsteller, arme Tröpfe. Dr. Nomoney lachte satanisch. Schick, schick, dachte er, das Internet ist die optimale Waffe des künftigen Weltenherrschers!“
Schick! Jetzt fiel es mir wieder ein! Eduard Schick, jener Twittersüchtige und unheilbar Kranke aus der Klinik! Rasch und in groben Zügen erzählte ich Oxana, wie ich den seltsamen Mann kennengelernt hatte. Sie nickte nachdenklich. „So ein Zufall, dass er dich aufsucht. Ein noch größerer Zufall, dass er auf deiner Station liegt. Und schier unglaublich, dass er von Georg Weber weiß. Ich glaube, wir haben eine Spur.“
Mochte sein. Vor allem jedoch hatten wir zwei dicke Köpfe, die um Schlaf und Ruhe flehten. „Du kannst es dir auf der Couch bequem machen, Vika ist ja unterwegs. Und in deinem Zustand bist du sowieso nicht zu Dummheiten fähig.“ Oxana unterschätzte die Macht meiner Dummheiten vollständig, wenn sie glaubte, übermäßiger Alkoholgenuss könnte ihnen etwas anhaben.

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