26.07.2012 -572-

Es war an der Zeit, Marxer einen Besuch abzustatten. Vorher jedoch bedurfte es einiger kombinatorischer Überlegungen. Zum Glück hatte ich Oxana als meine Frau Doktor Watson, die emanzipierte Form des alten Holmes-Anhängsels, also eigentlich schlauer als Holmes selbst, wenn ich gerade Holmes war. Sie mixte uns neue kasachische Waldbeerencocktails und sagte dann „So“. Ich trank einen Schluck, schüttelte mich und sagte „Genau“.

Wir kamen schnell darin überein, dass das Attentat entweder eines aus Rache verübtes oder eines zur Beseitigung eines unliebsamen und gefährlichen Zeugen begangenes sein musste. Grund sich zu rächen hatten alle, die im „Idiotendetektiv“ mitwirkten, Marxer natürlich ausgenommen. „Aber das traue ich keinem von uns zu. Ein paar aufs Maul, das selbstverständlich, da wäre ich auch sofort dabei. Aber Molotows?“ Ich stimmte ihr zu. Also die Zeugentheorie. Oxana nickte. „Das kann aber nur bedeuten, dass Marxer etwas weiß, das er nicht wissen sollte und diejenigen, die dadurch gefährdet werden, wissen, dass er es weiß.“ Jetzt nickte ich. „Hm, ja. Also etwas Öffentliches. Etwas, das in diesem Schundbuch steht. Etwas, das Marxers Phantasie entsprungen ist und zufällig deckungsgleich mit der Wirklichkeit.“ „Zu kompliziert“, befand Oxana, „aber wahrscheinlich hast du Recht. Wir müssen also das Buch lesen.“
Das war die Höchststrafe. Oxana ging in die Wohnung und kam mit zwei Exemplaren des „Idiotendetektivs“ zurück, 300 Seiten miserabler Stil und hanebüchene Handlung, also Bestsellerqualitäten. „Ich die ersten 150 Seiten, du die letzten. Okay?“ Ich stöhnte hörbar auf und sagte „Was immer mich später in der Hölle erwartet, dies hier kann nicht schlimmer sein.“
Marxers Methode war simpel. Er nahm ein paar Fakten, mischte sie mit seiner kruden Phantasie und verkaufte das Ergebnis als Krimi. Natürlich zielte er von Anfang an auf die Weltverschwörung, auf die geplante Abschaffung des Geldes, wobei er einen fiktiven Bösewicht namens „Doktor Nomoney“ erschuf, der die Fäden im Hintergrund zog und wirklich so abgrundtief böse war, dass er im Bundestag nicht aufgefallen wäre. Doktor Nomoney mochte Mitte Sechzig sein, hatte eine viel jüngere blonde Frau namens Lizzy sowie einen alkoholkranken Stiefsohn, der sich in Lizzy verliebt und so für Turbulenzen sorgt. Moritz Groß hat natürlich keinen Schimmer, wie die Dinge zusammenhängen. Er stößt nur zufällig auf weiterführende Spuren oder weil ihm Marxer, der im Roman auch Marxer heißt, und dessen Assistentin Natascha immer wieder auf die Sprünge helfen. Natascha war unverkennbar Oxana, wunderschön und im Roman unsterblich in Marxer verliebt, der allerdings noch immer an seiner verstorbenen Verlobten Marianne Kreuz hing, die vor drei Jahren ermordet worden war. Wie sich herausstellen sollte von besagtem Doktor Nomoney.
Eine echte Räuberpistole also. Die Bundesregierung, die Banken, sie waren harmlose und bemitleidenswerte Opfer des diabolischen Doktors (er hatte in BWL promoviert, was auf der Hand lag), höchstens willfährige Marionetten, die im Verlauf der Handlung plötzlich „ein Gewissen“ bei sich entdeckten und darob so überrascht waren, dass sie auf der Stelle zu den Guten, also zu Marxer überliefen, der Doktor Nomoney in einem turbulenten Showdown stellte und damit – Zitat – „auch noch im Vorbeigehen den Arsch von Moritz Groß rettete, der in einem Haifischbecken um sein Leben schwamm“. Ich stöhnte noch hörbarer als sonst auf. Das war übelster Schund. Ich konnte nur hoffen, dass Oxana fündig geworden war.

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