25.07.2012 -571-

„Hinterausgang, Chef.“ Annamarie Kainfelds hatte es gesagt, ohne von ihrem Monitor aufzuschauen. „Vorne stehen die Pressefuzzis, vielleicht auch Fernsehen. Gehen Sie durch den Hinterhof, steigen Sie auf eine Mülltonne, klettern Sie über die Mauer, aber passen Sie auf, dass Sie auf der anderen Seite nicht in den Fischteich treten. Die halten neuerdings Piranhas dort.“ „Hm“, quittierte ich den guten Tipp und machte mich auf den Weg.
Meine Sekretärin hatte Recht. Ich lugte vorsichtig um die Flurecke, vor der Tür waren Kameras aufgebaut und junge dynamische Menschen mit Mikrophonen in den Händen standen sich die Beine in die durchtrainierten Bäuche. Natürlich trat ich in den Fischteich im Nachbarhof, die Piranhas machten aber glücklicherweise gerade Mittagspause.

Vika und Oxana hatten sich ein Apartment in der Vorstadt gemietet, triste Hochhäuser, aber angenehm anonym, nur mit dem Bus zu erreichen, den vorfreudige Gäste der benachbarten Badeanstalt mit Lärm und Körperwärme füllten. Wenigstens waren sie abgelenkt und beachteten mich nicht.
Oxana empfing mich in lockerer Freizeitkleidung. Das war ein Minuspunkt ihrer Marxer-Abnabelungsagenda, sie brauchte keine Rücksicht mehr auf optische Erotik zu nehmen. „Komm rein“, sagte sie, „ich mixe dir einen kasachischen Waldbeerencocktail, zwei Teile Johannisbeersaft und acht Teile Wodka. Das bringt dich wieder auf die Beine.“
Es brachte mich zunächst einmal auf den klapprigen Plastikstuhl auf dem winzigen Balkon. Von hier aus hatte man freie Sicht auf die Wohnstätten des Prekariats, das gerade in einer Art ehrenamtlichen Tätigkeit damit beschäftigt war, das Vermögen von Großanlegern und Spekulanten zu retten. Für Gotteslohn halt, was allerdings voraussetzte, dass auch Gott sein Geld in spanischen Schrottimmobilien stecken hatte.
„Vika schnüffelt gerade einem untreuen Ehemann nach. Irgendjemand muss ja das Geld verdienen.“ Oxana nämlich war arbeits- und erwerbslos, selbst ihre Kleidung hatte sie bei Marxer zurückgelassen. Sie wurde jetzt vom Hausherrn persönlich aufgetragen. „Er hat fünf Kilo abgenommen, damit er in den schwarzen Ledermini reinkommt, also Disziplin hat er schon, das muss man ihm lassen.“
„Und kriminelle Energie“, ergänzte ich, „oder kommt dir das angebliche Attentat nicht auch merkwürdig vor?“ Oxana wiegte unschlüssig den Kopf. „Hm, nee, trau ich ihm nicht zu. Leute bescheißen und verarschen, das ja, das sind gewissermaßen anerkannte Kulturtechniken geworden. Heutzutage hat jeder ein Handy, den Führerschein und eine Strategie, andere reinzulegen. Aber Molis werfen? Nicht Marxers Format.“
„Das würde also bedeuten… „…dass jemand Marxer nach dem Leben trachtet. Da du es nicht bist, jedenfalls nicht auf diese Weise, muss es jemand anderes sein. Die Frage: Warum. Nächste Frage: Warum nur Marxer? Nächste Frage: Vielleicht auch andere, wir, nur etwas später?“ Oxana schlussfolgerte schon wie eine Detektivin, was mich nicht wunderte. Ich schlussfolgerte wie Moritz Klein und brachte demzufolge nur ein „Tja, hm, äh“ über meine vom kasachischen Waldbeerencocktail taub gewordenen Lippen. Stimmte schon. Nicht dass es mir um Marxer leidgetan hätte, aber die Aussicht, selbst Ziel eines Attentates zu werden, gefiel mir gar nicht.

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