22.07.2012 -568-

Die Villa war leer und still geworden. Nachdenklich durchmaß Marxer die Räume, erinnerte sich. An Sonja Weber und Krießling-Schönefärb, die hier ihre Liebe entdeckt und praktiziert hatten, an Vika, die geheimnisvolle Detektivin und, natürlich, an Oxana, die Unerreichte. Er seufzte. Auch an die anderen dachte er, sogar an die alte Irmi. Was sie wohl gerade machte? Angespuckt hatte sie ihn, ihm den „Idiotendetektiv“ vor die Füße geworfen, „Verrat!“ geschrieen und lauthals bedauert, dass keine Rote Armee Fraktion mehr existierte, die sich schmierige Kriminalschriftsteller vorknöpfte. Gute alte Irmi, er vermisste sie ehrlichen Herzens.

Und auch Hermine. Für einen Augenblick fasste er den Plan, noch auf einen Absacker in der „Bauernschenke“ vorbeizuschauen, verwarf ihn aber sogleich wieder. Die „Bauernschenke“ war, seit Hermine dort Geschäftsführerin war, ein elendes In-Lokal geworden, die Kneipe zum Buch gewissermaßen, woran er, Marxer, natürlich die Hauptschuld trug. Umso ungerechter war es von Hermine, ihm quasi Hausverbot erteilt zu haben. Aber auch damit konnte er leben. Frauen handeln bekanntermaßen unlogisch, deshalb bringen sie es auch zu nichts in der Welt. Traurig, aber wahr.
Einen weiteren Moment spielte er mit dem Gedanken, Olya zu verführen. Sie wartete doch nur darauf und genau das schreckte ihn ab. Ein Mann will erobern, das sind alte Steinzeit-Traditionen. Nichts ist langweiliger als eine Burg zu erstürmen, deren Zugbrücke heruntergelassen wurde. Wenigstens den Trick mit dem Trojanischen Pferd musste man als Mann anwenden dürfen, um die Festung zu schleifen. Marxer seufzte und kehrte ins Arbeitszimmer zurück. Das achte Kapitel der „Idiotendetektiv“-Fortsetzung also. Den ersten Satz hatte er immerhin. „Als Moritz Groß aus dem Koma erwachte, wurde ihm klar, dass er sechs Monate lang von Currywurst geträumt hatte.“
Er öffnete das Fenster, um die abgekühlte Luft in den Raum zu lassen. Ein wenig Frische, ein wenig Durchzug. Irgendwo klangen Schritte auf den Steinplatten – ob ihn zu dieser späten Stunde noch jemand besuchen wollte? Gar Moritz Klein, um sich zu rächen? Nein, dieses Kaliber besaß er nicht, da war sich Marxer sicher. Ein Einbrecher? Schon eher. Schließlich war Marxer der mit Abstand prominenteste Bewohner der Stadt, worauf er ziemlich stolz sein durfte. Er horchte weiter. Hm. Keine Schritte mehr. Also wohl doch nur eine akustische Täuschung.
Das Splittern des Glases indes war keine. Es war real, aber er nahm es zunächst gar nicht wahr. Erst als er Olyas Schreie vernahm, auf Russisch natürlich, dennoch eindeutig. Er sprang auf, die Geräusche des splitternden Glases waren aus der Küche gekommen, irgendjemand hatte die Fensterscheibe eingeworfen, ein jugendlicher Rowdy oder, das sah diesem Feigling ähnlich, doch Moritz Klein. Marxer wurde zornig, nicht lange jedoch, dann wurde er panisch. Denn etwas kroch in seine Nase, ein beißender Geruch. Qualm, Feuer. Und jetzt hörte er es auch, dieses Knistern.
Olya stand auf der Treppe, wies auf die Küchentür, unter der Rauchschwaden hervorkrochen und quieckte „oh joi joi joi!“ Marxer wusste nicht, was zu tun war. Er trat gegen die Tür, die Tür sprang auf. Mitten auf dem Küchenboden lag etwas, die Splitter einer Glasflasche, und um diese herum loderte ein Feuer und fraß sich durch alles, was es erreichte. Jemand hatte ihm einen Molotowcocktail spendiert. Gerührt oder geschüttelt, das spielte keine Rolle.

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