21.07.2012 -567-

Ah, guuuuut! Neuerdings waren ihm die Abendnachrichten ein steter Quell der Freude. Diese bizarren Infos! Jetzt mussten deutsche Kleinsparer schon spanische Großspekulanten retten! Und an den Stammtischen diskutierte man über das Für und Wider von Knabenverstümmlungen! Ganz zu schweigen von dem nassen Fleck auf der Arbeitskleidung des Papstes und dem Bestechungsskandal bei der FIFA und den rollenden Apotheken auf französischen Straßen und… ein Füllhorn an Informationen eben, das Marxer mit Genuss in sich hineinschüttete. Das war das Leben! So bescheuert, so irreal, so total crazy, so… er schrieb sich schnell die Stichworte auf, das achte Kapitel seines neuen „Idiotendetektivs“ war fällig, zehn Seiten wollte er schaffen, das war sein tägliches Pensum, einfach runterrotzen, war ja keine Literatur, war nur Krimi.

In der Küche werkelte Olya. Gut, das war jetzt weniger schön. Seit ihn Oxana verlassen hatte, fehlte ihm etwas. Olya sah gut aus, stimmte schon. Sie stammte aus der Ukraine, sprach wunderbares Russendeutsch, hatte aber längst nicht die Klasse Oxanas. Und war nicht lesbisch. Das heißt, man musste mit ihr flirten, wozu Marxer, selbst wenn er gerade nicht in Frauenkleidern umherlief, keine große Lust hatte, seltsamerweise. Er dachte an Annamarie Kainfeld, der er ebenfalls den Laufpass hatte geben müssen. Er dachte an Mollie Spring, das holländische Busenwunder, mit dem er sich für die Yellow Press ablichten ließ, um überhaupt in die Zeitungen zu kommen. Er dachte an seine Talkshow „Von Frau zu Frau“, in der noch nie eine Frau aufgetreten war. Er dachte… nein, eben nicht. Denken war schlecht. Wer dachte, konnte einfach keinen Erfolg haben, Denken war ein Minderheitenprogramm, dafür gab es nicht einmal eine Marktnische, kein Spartensender brachte Sendungen, die etwas mit Denken zu tun hatten. Denken war exotischer als Kannibalismus, unappetitlicher als die aufgespritzten Lippen der Charity-Ladies, die ihm diese Einladungen schickten, die er auch alle annahm, um mit Mollie Spring auf irgendwelchen roten Teppichen zu posen. Mollie Spring, die nach der dritten Silikonzufuhr fast nur noch aus Brüsten bestand. Daran dachte er, nein, korrigiere: Das ging ihm durch den Kopf.
Dass Moritz Klein sozusagen wieder erwacht und auf freiem Fuß war, hatte ihn nur einen Moment lang beunruhigt. Dann hatte er die Chance gesehen, die sich aus diesem Umstand ergab. Er musste die Presse auf ihn hetzen, ihn dazu bringen, üble Verwünschungen und Todesdrohungen auszustoßen. Gut fürs Geschäft, damit kommt man in jedes Boulevardmagazin. Der Typ sollte ihm dankbar sein, schließlich hatte erst er, Marxer, seinem Leben einen Sinn gegeben. Aber wahrscheinlich besaß er einfach nicht die Klasse, das zu erkennen. Egal. Er würde gleich morgen seine Kontakte aktivieren, all die Klatschreporter des Boulevards, sie würden eine sensationelle Geschichte inszenieren, „Romanfigur bedroht Autor“ oder so etwas. Völlig neu, das würde für drei Tage Schlagzeilen reichen.
Olya brachte ihm seinen Gute-Nacht-Kakao. Sie lächelte. Marxer seufzte. Das war einfach nicht Oxana-Niveau. Er hatte alles versucht, sie zu halten, aber die Sache mit Moritz Klein hatte ihr den Rest gegeben. Und dann natürlich Vika.
Er legte die Beine auf den Schreibtisch. Gleich kam Maybrit Illner. Sie waren inzwischen per Du, Kollegen halt. Ob sie ihn wieder in ihre Show einladen würde? Ein schönes Thema hatte er schon. „Wenn die Fiktion die Wirklichkeit einholt. Von Romanfiguren und Eurokrisen.“

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Eine Antwort zu 21.07.2012 -567-

  1. Ingrida schreibt:

    Und das rotzen die Spezial-Moderatoren nur so runter, samt der ewig gleichen Talk-Show-Teilnehmer………….

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