19.07.2012 -565-

Gritli Moser bewohnte ein gemütliches kleines Apartment am Rande der Stadt. Sie dirigierte mich sogleich auf den Balkon, brachte Wasser und Saft. Das Fondue hatten wir verworfen, zu aufwendig, stattdessen war Pizza bestellt worden. Während wir auf die Lieferung warteten, sahen wir schweigend in die Landschaft, zwischen zwei Hochhäusern hindurch auf einen Klecks Grün, der sich aber, weil es schon dunkel geworden war, schwarz gefärbt hatte. „Erzählen Sie mal was über sich“, forderte ich meine Gastgeberin auf, in der Hoffnung, sie dadurch vom Ausfragen abzuhalten.

„Über mich? Langweilig. Schweiz halt. Muss ich mehr sagen?“ Also nichts wie Nummernkonten und Almabtriebe, mutmaßte ich. Die Schweizer sind schon ein komisches Völkchen, sie leben von anderen, wollen aber mit anderen nichts zu tun haben. „Stimmt wohl“, betätigte Gritli, „wäre mir sicher auch so ergangen, aber dann bin ich der Liebe wegen nach Deutschland gezogen.“ Wo es ja ähnlich ist. Wir leben von anderen, aber wir geben es nicht zu. Ständig werden wir von den anderen ausgebeutet, man macht uns ein schlechtes Gewissen und wenn wir Deutschlandfähnchen schwenken, haben wir selbst ein schlechtes Gewissen.
„Und dann sind Sie bei der Polizei gelandet?“ Sie nickte. „Mein Liebster war auch bei der Polizei.“ Ihre Stimme wurde leiser, brüchig. Ich sah das Drama voraus. „Und? Hat die Liebe gehalten?“ Sie schwieg eine Weile. „Ja. Bis dass der Tod… er wurde erschossen. Aus dem Hinterhalt, niemand weiß warum, er wollte nur Brötchen kaufen, es war Sonntag. Einfach so erschossen. Den Mörder hat man nie ermitteln können.“ „Schlimm“, sagte ich, weil mir etwas anderes nicht einfiel. „Ja, schlimm“, nickte Gritli Moser, „ein perfekter Mord scheinbar ohne Motiv. Eine Zeugin glaubte sich zu erinnern, ein Mann habe sich in der Nähe herumgedrückt und offensichtlich gewartet. Sie konnte ihn sogar beschreiben.“ „Und das hat nicht geholfen?“ „Nein. Bis…“ Sie stand auf, weil es geläutet hatte. Die Pizzen. Ich folgte ihr in die Wohnung, deckte den Tisch. Wir aßen schweigend.
„Bis?“ nahm ich schließlich das Gespräch wieder auf. „Bis…“ Sie stand auf. Ging zum Küchenschrank, öffnete eine Schublade, kramte in Papieren, kam mit einem Bild zurück, legte es vor mich hin. Es zeigte einen Toten mit durchgeschnittener Kehle. Mir lief es kalt über den Rücken. „Ist das…?“ „Ja. Das ist der Mann, der im Lokal alle erschießen wollte. Der Mann, der dann flüchtete und von einem Unbekannten ermordet wurde. Die Beschreibung der Frau passt genau auf ihn.“
Was Zufall sein konnte. „Natürlich“, bestätigte Gritli Moser. „Alles kann Zufall sein. Aber es ist eine Spur. Und es passt. Mein Freund wurde von einem Profi ermordet, einem Auftragskiller. Auch dieser Mann war Profi, Auftragskiller. Er hieß Schmeichel, aber er hatte viele Namen und viele Identitäten.“ Ich wischte mir den letzten Rest Pizzakäseersatz vom Mund. „Aha, jetzt verstehe ich. Sie wollen herausfinden, wer hinter dem Mord an Ihrem Freund steckt. Deshalb interessiert Sie der Fall so.“
Sie sah mich an. „Ja, und deshalb bitte ich Sie, mir alles zu erzählen. Es bleibt unter uns, wenn Sie wollen. Sie müssen mir vertrauen, klar, aber bedenken Sie auch, dass die Hintermänner immer noch Ihren Tod wollen. Sie werden einen neuen Killer schicken.“ „Das bezweifele ich. Die ganze Geschichte ist abgeblasen worden.“ In dem Moment, da ich dies sagte, wusste ich schon, dass es falsch war.

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