17.07.2012 -563-

„Literatur? Da wird mir übel.“ Wer hat das noch mal gesungen? Ach ja, die junge Nina Hagen wars, bevor sich ihr der Schwurbel im Köpfchen eingenistet hatte. Schon richtig. Bei Marxers Ergüssen war Übelkeit eine automatische Nebenwirkung, vor der kein Spruch auf dem Cover warnte und riet, sofort den Arzt oder Apotheker aufzusuchen. Was man auch nicht tun musste, wenn man ein Brechmittel brauchte. „Der Idiotendetektiv“ erfüllte diese Funktion beängstigend perfekt.

Nun gehöre ich nicht zu jener Gattung Leser, die immer alles „realitätsgetreu“ verlangen. Ich verlange schließlich die Realität auch nicht romangetreu. Es störte mich auch nicht, als eher tumbes Exemplar der Gattung Held durch die Zeilen zu huschen, ja, selbst mit der mir angedichteten Impotenz hätte ich prima leben können. Aber wäre es Marxer nicht möglich gewesen, seine Emily Pluster als eine der deutschen Sprache mächtigen Autorin zu erschaffen? Was wollte er mit Sätzen wie „Sie sah aus wie ein Bordell, wenn ein Bordell ausgesehen hätte wie sie.“ eigentlich ausdrücken? Warum war mein Blick gezählte 385 Mal „stechend“, warum stand ich 139 Mal nackt vor dem Spiegel und besah meinen traurigen Schniedel? Warum dichtete mir Marxer ein Angela-Merkel-Poster an der Wand an? Hatte es ursächlich etwas mit meiner Impotenz zu tun? Nein, es war reine Kolportage, übelstes Sprachzeug – und wahrscheinlich genau deshalb so erfolgreich. Die Leser liebten es nun einmal, sich auf ihrem eigenen Niveau prächtig zu unterhalten.
Da ich mich keineswegs prächtig unterhielt, las ich Marxers Plustereien nur oberflächlich, überschlug den Hauptteil des Trauerspiels und studierte den Schluss. Marxer schilderte dort, wie er mich – zum gefühlten hundertsten Mal – vor dem Tod rettet, indem er den Killer persönlich in die Flucht schlägt. Aus schierer Blödheit stolpere ich über die Hauskatze und schlage mit dem Kopf gegen deren steinernen Fressnapf. „Wie alle seine Freunde bestätigten, unterschied sich ein komatöser Moritz Klein von einem nicht komatösen nur durch die Tatsache, dass er jetzt weniger Unsinn redete.“ Ich schlug das Buch zu und verfluchte die Tatsache, keine offenen Feuerstellen in meiner Wohnung zu haben, denen ich das Machwerk hätte überantworten können. Ein hungriger Mülleimer würde es aber auch tun.
Inzwischen war es Abend geworden, die Luft hatte sich, im Gegensatz zu mir, abgekühlt. Ich machte mich auf den Weg zu Marxers Villa, das Küchenmesser hatte ich doch nicht eingesteckt. Mit meinen eigenen Händen wollte ich ihn erwürgen, wahlweise mit seinen eigenen schweren Möbeln erschlagen, einem Biedermeierstuhl etwa, der in seinem Speisezimmer stand und den man einer nützlicheren Verwendung würde zuführen können. So tappte ich durch die Stadt, kaufte mir eine Bratwurst und stellte mir vor, sie sei Marxer, was diesem schmeichelte, der Bratwurst gegenüber aber furchtbar ungerecht war.
Endlich. Marxers Villa. Sie lag friedlich in der beginnenden Dämmerung, im Untergeschoss brannte schon Licht, wahrscheinlich saß der Dichter als Emily Pluster schon an der angekündigten Fortsetzung seiner Idiotenserie. Ich blieb stehen und atmete ruhig ein und aus. Nicht in Rage, sondern kaltblütig wollte ich Marxer erledigen. Hinter mir gab es ein Geräusch, ich registrierte es zu spät. Erst dann nämlich, als etwas in meinen Rücken gedrückt wurde und eine Stimme „Aha, der Idiotendetektiv“ sagte.

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