16.07.2012 -562-

Je näher ich der Fußgängerzone kam desto nervöser wurde ich. Menschenmengen waren noch nie mein Ding gewesen, nach beinahe sechs Monaten Koma schien mir jede Menge, die größer war als zwei, bedrohlich. Dabei war es ein freundlicher Tag, Sommer, Sonne, Sonderangebote, drei Brezeln für zwei Euro, eine Broschüre zum bevorstehenden Weltuntergang kostenlos, 1A-Beschneidungen mit anschließendem Wellness-Urlaub – Angebot und Nachfrage prallten wie gehabt aufeinander und zeugten Konsum. Das war der passende Sex für unsere Zeit.

Die Buchhandlung, in der Sonja Weber arbeitete, warb mit großen Plakaten für den zweiten Band der sogenannten „Idiotendetektiv-Reihe“. „Die Rückkehr des Idiotendetektivs! Erstverkaufstag: 18.9. – sichern Sie sich jetzt Ihr von Emily Pluster handsigniertes Vorzugsexemplar!“ Und auf einem anderen Plakat hieß es grell: „Moritz Groß – idiotisch, idealistisch, impotent! Ein Held wie du und ich.“ Ich betrat schwankend die Buchhandlung, meine Mordgelüste hatten ungeahnte Ausmaße angenommen.
Sonja Weber war gerade damit beschäftigt, ein Buch in Geschenkpapier einzupacken. Schön machte sie das, aber dafür haben Frauen von Natur aus ein Talent. Etwas schön einpacken, am liebsten sich selbst, während Männer am liebsten auspackten, indem sie die Verpackung achtlos aufrissen. Ich schlenderte an den Bestsellerbuchtürmen vorbei, ohne sie eines näheren Blicks zu würdigen. Marxers Porträt hing unübersehbar an der Wand, wenngleich ich auch zwei Blicke brauchte, um ihn zu erkennen, denn er war als Frau verkleidet. „Emily Pluster – das Buch zum Film“. Oh mein Gott, der Idiotendetektiv jetzt auch im Kino? Nein, nur im Fernsehen, eine geplante ZDF-Serie. Nachdem Rosamunde Pilcher angekündigt hatte, keine Romane mehr zu schreiben, hatte Marxer wohl diesen Job übernommen. Ich wollte mir nicht ausmalen, wer mich spielen würde, tippte aber auf Uwe Ochsenknecht.
Mit meinem Exemplar des „Idiotendetektivs“ ging ich zur Kasse, wo Sonja Weber die Verpackung des Buches beendet hatte. Als sie mich sah, wich sofort sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht. „Sie? – Äh, du…?“ Ich bestätigte es mit einem „Genau“ und legte das Buch auf den Tresen. Hinter mir bildete sich eine Schlange, es wurde getuschelt, mir brach der kalte Angstschweiß aus. „Macht Zwölfneunundneunzig“, murmelte Sonja Weber mechanisch und fügte an: „Wie geht es dir?“ Es gehe mir noch gut, antwortete ich, aber hoffentlich nicht mehr lange, ich hatte mir nämlich vorgenommen, das Buch zu lesen, bevor ich seinen Schöpfer ins Elysium zu kicken gedachte.
„Und wie geht’s dir?“ fragte ich anstandshalber. Sonja Weber lächelte. „Prima. Wir ziehen bald zusammen.“ Wir? Die zweite Person konnte nur Krießling-Schönefärb sein. Ich nickte. „Schön für euch.“
Die Schlange hinter mir wurde länger und länger, das Tuscheln nahm zu. „Das ist er! Schau mal, der kauft sein eigenes Buch! – Nein, das ist sein Doppelgänger, der Idiotendetektiv kann doch gar nicht lesen!“ Nicht nur impotent, sondern auch Analphabet. Meine Vorstellung von Marxers Tod wurde immer unappetitlicher. Ich würde ihn leiden lassen.

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