15.07.2012 -561-

Annamarie Kainfeld brachte mich auf den aktuellen Stand der Dinge. Nach seinem Coup als Emily Pluster hatte sich Marxer in die Fänge einer Marketingagentur begeben, die versprach, seine Karriere von nun an nach streng wissenschaftlichen Methoden zu steuern und „mindestens in Lady-Gaga-Dimensionen zu führen, wenn nicht gar in Alice-Schwarzer-Sphären“. Die Aussicht, in Spiel- und Talkshows Dauergast zu werden, gefiel dem eitlen Dichter. Auch seine vorgebliche Enttarnung war genau kalkuliert, Marxer als sexuelles und gefühlsmäßiges Mischwesen, das ewig Weibliche im Mann, das ewig Männliche im Weib, ein absolutes In-Thema und schon längst hatte sich Marxer daran gemacht, einen entsprechenden Sachbuchbestseller zu schreiben, gegen dessen Verkaufserfolge selbst ein Sarrazin nicht würde anstinken können, wie viele Statistiken er auch vergewaltigen mochte. Ich begleitete Annamaries Bericht bitter nickend. So war er, dieser Dichter, so waren sie alle, diese Schmierfinken.

„Ja, und natürlich quatscht er jetzt nur noch A- bis C-Prominenz ins Bett. Auch etwas, das ihm seine Marketingidioten geraten haben. Eine wie ich“ – sie schluchzte eine Spur zu theatralisch – „ist ihm da nicht mehr gut genug.“ Ich musste nun eine lange Liste von Geliebten über mich ergehen lassen, Fernseh- und überhaupt Medienfrauen, einige Dichterinnen darunter, deren literarische Talente sich auf die Beschreibung von Geschlechtsverkehr und Hitzewallungen beschränkten, auch etliche „Supermodels“ und „Superstars“, die unbedingt ins Fernsehen wollten, selbst wenn sie dafür den Umweg über Marxers Bett nehmen mussten.
Ich versprach meiner Sekretärin, morgen Früh pünktlich im Büro zu erscheinen und meine Arbeit wieder aufzunehmen. Nächste Woche hatte ich den Ordenstermin in Berlin, die Kanzlerin persönlich wollte mich auszeichnen, war aber noch im Streit mit dem Bundespräsidenten, der sich diese Ehre ebenfalls nicht nehmen lassen wolle. Zur Not würde es mir auch nichts ausmachen, zwei Orden anzunehmen, meine Brust war dafür breit genug.
Endlich, nach einem durch und durch unerfreulichen Mittagessen, durfte ich die Klinik verlassen. Ich hatte niemanden darüber informiert, wollte nicht abgeholt werden, es war ein Neustart, das wusste ich, ein Zurück zu den Wurzeln. Aus irgendeinem Grund war das dämonische Projekt, das Geld abzuschaffen, aufgegeben worden – oder nur vertagt? Jedenfalls warf es mich auf den Anfang meines Abenteuers zurück, auf die simple Frage, was mit Georg Weber geschehen war.
Wir erinnern uns: Sonja Weber beauftragt mich damit, ihren Bruder Georg zu suchen, der spurlos verschwunden ist. Es dauert nicht lange, da gibt es auch schon eine Leiche, einen Mann mit einem unaussprechlichen Namen. Die Spur führt nach Großmuschelbach, diesen vermaledeiten Ort, aus dem Georg stammt. Ich komme einer ziemlich fiesen Geschichte auf die Spur, aber man kommt dabei auch auf meine Spur. Zweiter Mord. Einzelheiten aus dem Leben von Georg Weber, doch es bringt mich nicht weiter. Seltsame Plüschosterhasen mit noch seltsamerem Inhalt. Immer finsterere Typen und Typinnen. Ich blicke nicht mehr durch.
Sehr schnell war Konstantin Marxer in den Fall verwickelt worden – nein, korrigiere: Er hatte sich selbst in den Fall verwickelt. Zufall? Ich glaubte längst nicht mehr an Zufälle. Dort wo kriminalliterarische Schmierfinken am Werk sind, gibt es nur Berechnung und Intrige. Dem musste ich auf den Grund gehen. Außerdem gelüstete es mich danach, Marxer eins in die Fresse zu geben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s