13.07.2012 -559-

Das Gewitter hatte sich in die Entfernung zurückgezogen. Es war aber schwül geblieben, ich lag auf meinem Bett und schwitzte, stand auf und duschte, handelte mir eine Rüge der Nachtschwester ein, eines alterslosen Wesens, das keinen Widerspruch duldete. Ein Koitus interruptus mag eine schreckliche Sache sein, ein nicht zu Ende gebrachtes Duschen ist noch furchtbarer. Ich legte mich also halbgeduscht aufs Bett und schwitzte weiter. Von Schlaf konnte ich nur träumen.

Außerdem war ich von sämtlichen modernen Medien abgeschnitten. Kein Telefon, kein Internet, nicht einmal ein geschwätziger Zimmergenosse versorgte mich mit neuesten Nachrichten. Auf dem Flur plapperte jemand von „diesem komischen Papst, der sich vor jedem Witzchen in die Hose macht“, was ich nicht verstand, dem ich aber am nächsten Morgen auf den Grund gehen wollte. Eine einzige Untersuchung noch, hatte der Arzt versprochen, dann sei ich ein freier Mann und dürfe gehen wohin ich wolle. Ich wusste auch schon, wo ich zuerst hingehen würde. Zu Marxer. Eine schwere Körperverletzung verüben.
Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffnete, schien die Sonne. Eine gemütliche Schwester brachte mir Frühstück und riet mir zum Duschen, „sie miefen ja wie der Vatikan und die baden-württembergische Staatskanzlei zusammen“. Ich verkniff mir eine scharfe Replik und nickte nur stumm.
Runter zum Zeitungskiosk. Warum sah mich der Verkäufer so seltsam an, als ich nach dem heutigen Käseblättchen verlangte? „Bitte, Herr Groß, untertänigst, Herr Groß und…“ – Er beugte sich diskret zu mir hin und flüsterte: „Versuchen Sie mal Viagra – bei mir hat es Wunder bewirkt.“ Marxers Roman. Mir wurde vor Wut schwarz vor Augen.
Als ich den Verkaufsraum verlassen wollte, trat mir eine dicke Frau in den Weg und hielt mir ein Buch hin. Emily Pluster, „Der Idiotendetektiv“. Ob sie ein Autogramm haben könne? Ich sei nicht der Autor, beschied ich ihr nicht ohne Zornesfalten, doch das interessierte sie nicht. „Aber Sie sind doch der Idiotendetektiv persönlich, mit Ihnen identifiziert man sich doch! Sie sind so richtig wie du und ich!“
Schreckliche Vorstellung. Ich griff nach dem hingehaltenen Stift und kritzelte meine Signatur in das hingehaltene Buch. Die Dame bedankte sich überschwenglich und rief ihrer Freundin, die scheu am Eingang gewartet hatte zu, jetzt besitze sie ihr erstes von der Hauptfigur persönlich signiertes Buch. Ich rollte meine Zeitung zusammen und trollte mich. Etwa ein halbes Dutzend neugieriger Blicke folgte mir.
Da das Klinikfrühstück sich als in jeder Hinsicht ungenießbar erwiesen hatte, setzte ich mich in die Caféteria und genehmigte mir Kaffee und Croissants. Gemütlich. Trinken, kauen, Zeitung lesen. Man brachte mich in Sachen Papst auf den neuesten Stand, was mich köstlich amüsierte, man berichtete von Hausdurchsuchungen bei ehedemen Ministerpräsidenten, was mich nicht weiter überraschte, man warnte mich vor Inkassobüros, die an meiner Tür stehen würden, um die zehn Euro zurückzuverlangen, die sie auf dem Meldeamt für meine Adresse hatten ausgeben müssen. Ach ja, Europa war gerade dabei, sich selbst aufzulösen. Aber das überraschte mich jetzt nicht wirklich.

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