12.07.2012 -558-

Inzwischen hatte sich Schicks Handy, das er mit dem Namen Blackberry anredete, abermals gemeldet und die Sorgenfalten auf der Stirn seines Besitzers zu Grand-Canyon-Ausmaßen werden lassen. „Sie jammern wieder“, jammerte er, „der ganze Weltschmerz in 140 Zeichen, ich kann Ihnen sagen, das schlaucht beim Lesen.“ Warum er sich das denn antue, fragte ich den guten Mann, der selbst wie ein Häufchen Elend auf den Stuhl gesunken war und dessen Kopf hin und her pendelte wie das Beil in Edgar Poes bekannter Erzählung.

„Ja, hätte ich nicht tun sollen“, gab Schick zu, „aber nachdem man mir eröffnet hatte, dass ich nur noch ein Jahr zu leben haben würde, wollte ich wenigstens noch wissen, was in der Welt, die ich verlassen muss, gerade so angesagt ist. Twitter gehört dazu – und irgendwie bin ich bei den depressiven Jugendlichen hängen geblieben.“ Wann man ihm das gesagt hatte, wollte ich wissen und Schick lachte unvermittelt laut auf. „Vor anderthalb Jahren. Ich bin also überfällig. Hirntumor übrigens, falls Sie nicht zu fragen wagen, groß wie ein Tischtennisball ist Otto inzwischen. Ich nenne ihn Otto, weil alles einen Namen haben muss, wissen Sie.“
Georg Weber alias Fortuna67 habe gegen Weihnachten letzten Jahres mit dem Twittern begonnen, „ein Langweiler, also echt. So ganz zarte Andeutungen, es gehe ihm beschissen, holla, hab ich mir gedacht, noch ein Minderjähriger, der die ganze Last des Planeten auf seinen Schultern trägt. Aber war er denn doch nicht.“ Mir fiel etwas ein. „Sagen Sie mal, woher wissen Sie eigentlich, dass ich hinter Georg Weber her bin?“ Schick sah mich ungläubig an. „Hallo? Das weiß doch jeder. Der Krimi von Konstantin Marxer ist schließlich ein Bestseller.“
So erfuhr ich, dass Marxer die Zeit meines Weggetretenseins genutzt und einen Thriller mit dem Titel „Der Idiotendetektiv“ verfasst hatte, allerdings nicht unter seinem Namen, sondern dem Pseudonym Emily Pluster. Natürlich war die Charade aufgeflogen und Marxer sah sich genötigt, die volle und ganze Wahrheit in einer vom Fernsehen live übertragenen Pressekonferenz zu bekennen. Da war „Der Idiotendetektiv“ längst ein Bestseller und wurde nach dem Auftritt ein Megabestseller. „Stilistisch Mist, aber nicht unspannend“, urteilte Schick, „im Buch heißen Sie übrigens Moritz Groß, ihre wahre Identität hat Marxer dann auf der Pressekonferenz mitgeteilt. Ach ja, herzliches Beileid zu Ihrer Impotenz.“
Das war zu viel. Wenn mich Marxer schon so schnöde missbrauchte, dann bitte wahrheitsgetreu. „Ich bring ihn um“, murmelte ich bitter und Schick nickte. „Ja, aber twittern Sie zuerst. Das klingt nach einer hübschen Wutdepression, die sich da bei Ihnen entwickelt, lassen Sie Ihren Rachegedanken freien Lauf, ich folge Ihnen auch, versprochen.“ Er steckte sein Handy mit dem Kosenamen Blackberry wieder ein.
„Nun ja“, fuhr er fort, „Georg Weber hat bis vor etwa drei Wochen fleißig getwittert. Seitdem schweigt er leider. Ein Langweiler, wie gesagt, aber wenn Sie erst mal einem folgen, gewöhnen Sie sich auch an die ödesten Tüten. Das wollte ich Ihnen nur sagen. So, ich muss jetzt wieder zurück. Otto freut sich schon auf eine Runde Tischtennis.“
Er stand auf und nickte mir zu, bevor er aus dem Zimmer schlappte. Ein völlig mittelmäßiger Mensch, dessen Aussehen ich, als er verschwunden war, schon nicht mehr im Gedächtnis hatte.

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