09.07.2012 -555-

Überall lagen kleine verdreckte Deutschlandfähnchen im Rinnstein. Menschen gingen gedankenverloren durch die Straßen und formten mit den Lippen die deutsche Nationalhymne. Einigkeit und Recht auf Freizeit, viertes deutsches Vaterland. An jeder Ecke stand ein Leierkastenmann und bat um milde Gaben, ehemalige Typen vom Verfassungsschutz, denen das Hobby Aktenschreddern zum Verhängnis geworden war und die nun um milde Gaben betteln mussten. Ich fühlte mich elend. Schwach auf den Beinen, verwirrt im Kopf.

Noch immer war ich Patient und der Doktor hatte sich ausbedungen, mich noch einen Tag zur Beobachtung in der Klinik zu behalten. Erschöpft und deprimiert kehrte ich von meinem ersten Ausflug zurück, zog meinen Schlafanzug an und legte mich ins Bett. Ich hätte den Fernseher anmachen können, zog das Starren gegen die Decke jedoch als interessanteres Programm vor. Ein forsches Klopfen an meine Tür beendete mein Vergnügen.
„Gruezi“, sagte eine weibliche Stimme. Ich drehte mich zur Tür um und erstarrte. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren war eingetreten, sie trug eine Tigerfellhose, ein löchriges Shirt und blaue Glitzersandalen. Ihre Beine waren ungefähr zwei Kilometer lang. Ich fuhr die Strecke langsam und konzentriert mit meinen Augen ab.
„Ich bin das Gritli Moser von der Kripo“, sagte die Frau und versteckte ihr Schweizerdeutsch nur unzulänglich. „Dess isch jetzt huere geil gsi dass Sie wieder wach si.“ Ich nickte. Fand ich irgendwie auch. „Ich bemühe mich, Schriftdeutsch zu reden, aber ich muss sie jetzt befragen, Sie wisset scho wieso.“ Ich nickte abermals. „Fragen Sie nur, Frau Moser, aber ich muss sie jetzt schon enttäuschen. Ich weiß von nichts.“
Gritli Moser schnappte sich den Besucherstuhl und setzte sich an mein Bett. Wie eine Polizistin sah sie wirklich nicht aus, also war sie wirklich eine. „An was erinnern Sie sich denn noch?“ fragte sie und ich antwortete vage: „An einen mächtigen Gong, der in meinem Kopf geschlagen wurde. An sonst nichts.“ „Und an das Vorher?“ „Es gibt kein Vorher“, sagte ich düster. „Ich hab keine Ahnung, wer ich bin. Mein Name sagt mir nichts. Ich weiß nicht, ob ich Bauarbeiter bin oder Schlagzeuger bei den Rolling Stones. Man erzählt mir, ich sei irgendwie im Staatsdienst und für einen Orden vorgeschlagen worden.“
Gritli Moser nickte. „Ja, das stimmt. Aber Sie müssen sich doch daran erinnern, was Sie damals in der Gaststätte wollten. Was mit den Doppelgängern los war. Warum plötzlich dieser Mann mit der Maschinenpistole auftauchte, warum dieser Mann später mit durchgeschnittener Kehle in einem gestohlenen Wagen aufgefunden wurde. Warum Sie bei Facebook 13.000 Freunde haben.“
Ich setzte mich auf. „13000 Freunde? Heißt das, ich muss mir jeden Tag Einträge wie ‚Bin gerade gerade aufgestanden und habe einen Pups gelassenanhören?“ Ich wurde bleich und ließ meinen Kopf ins Kissen zurückfallen. Schlimme Aussichten.
Die Polizistin lachte. „Ja, so sind sie nun einmal die sozialen Netzwerke. Je mehr Freunde man hat, desto trister wird das Leben. Aber Sie haben ein Geheimnis, ich weiß es genau. Und glauben Sie mir, ich werde es lüften.“ Lüften. Das war ein gutes Stichwort. In meinem Zimmer miefte es.

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