08.07.2012 -554-

Fast sechs Monate hatte ich im Koma gelegen und obwohl man mir aus der Zeitung vorgelesen hatte, war die Welt da draußen eine andere geworden. Man züchtete kernlose Äpfel und war dabei, auch schalenlose Äpfel zu züchten, was zu einem Krieg mit der Obstmesserindustrie geführt hatte. Thomas Gottschalk hatte eine Vorabendshow in den Sand gesetzt, der Katholizismus war abgeschafft und durch Beachvolleyball ersetzt worden, Politiker sagten jetzt immer „Nur über meine Leiche“ und merkten nicht, dass sie bereits so komisch rochen. Auf Orgasmusvortäuschung stand jetzt zwei Jahre Knast und auf Betrug mit Derivaten zwei Jahre kostenloser Urlaub auf den Malediven. Das alles musste ich erst einmal verkraften.

Endlich sah ich auch die Gesichter, die zu den hässlichen Stimmen gehörten, die mich gefüttert hatten. Sie verstärkten meinen Wunsch, diesen Ort schnellstmöglich zu verlassen. Als Hermine ins Zimmer trat, erkannte ich sie zunächst nicht. Sie sah unglaublich aus, noch unglaublicher als vorher, ohne dass ich es hätte beschreiben können. Meinen Wunsch nach Sex, jetzt und sofort und schmutzig und in rauen Mengen, beschied sie abschlägig. „Keine Zeit, mein Lieber. Als Geschäftsfrau steh ich ständig unter Strom und überhaupt: Sex macht mich nicht mehr an. Ich hab jetzt Verkehr mit Kostennutzenrechnungen. Wow!“
Ich verstand wieder einmal kein Wort. „Na“, erklärte sie, „ich bin jetzt Geschäftsführerin der Bauernschenke! Die Zwillinge hatten nach all der Aufregung die Nase voll und haben sich aus dem Business zurückgezogen. Sie machen jetzt ökologischen Landbau in der Toscana. Und ich manage den Laden und schau mal, ob ich ihn irgendwie zum Eventplace pimpen kann, if you know what I mean.“ Ich knowte nicht und schaute entsprechend. Hermine lachte. „Englisch Volkshochschule, aber hey man, I don’t give a fuck on it.“
„Und die Geldlosigkeit?“ fragte ich beklommen. Hermine winkte ab. „Ist vorerst gecancelt worden. Eurokrise macht irgendwie auch mehr Spaß. Nur die Isländer bleiben störrisch und schwören auf Tauschhandel. Die Griechen würden auch gern, aber die haben grad nix zum Tauschen. Das sind schlechte Zeiten für innovative Menschen.“
Apropos innovativ. Oxana hatte mir berichtet, Marxer sei gerade dabei, den Krimi neu zu erfinden. Auch Hermine konnte das bestätigen. „Jau, und wie. Er will ihn vorsichtig der Literatur annähern, etappenweise, damit die Leser nicht überfordert sind. Hat er das geschafft, will er sie dran gewöhnen, beim Lesen zu denken. Reichlich utopisch, wenn du mich fragst.“
Ich jammerte noch ein wenig und drohte, einen Sexkrimi zu schreiben. Die ersten Sätze hätte ich bereits. „Er kramte sein Fortpflanzungswerkzeug hervor und begann damit, ihren Hormonhaushalt zu sanieren.“ „Klingt gut“, bestätigte Hermine. „Mach das mal. Das bringt dich auf andere Gedanken. Schreiben heißt ja sublimieren oder so, sagt Marxer. Wer schreibt, braucht keinen Sex und das trifft sich gut, denn er hat normalerweise auch keinen.“
Irgendwie gefiel mir diese neue Hermine so wenig wie die neue Welt. Sie hatte auch keine Zeit mehr – Hermine jetzt, die Welt hatte alle Zeit der Welt – sie musste zur Bank, um ihren Kreditrahmen auszuschöpfen. Ich blickte ihr traurig und sehnsüchtig nach. Das Koma war gar nicht so schlecht gewesen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s