08.06.2012 –548–

Sigurd Winter brachte es nicht übers Herz. Aber es musste sein, das war ihm klar, man hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, was ihn erwartete, würde er es nicht durchziehen. Langsamer, schmerzhafter Tod. Dennoch: Es war weit brutaler, als ein unschuldiges Rehkitz zu erwürgen, das einen mit seinen großen Kinderaugen ansah. Okay, dachte er jedenfalls, hatte er noch nicht gemacht. Aber es gab keine Alternative, es war ein Job, so musste man das sehen. Winter baute seinen Stand auf, mitten in der Fußgängerzone, schon schauten einige Passanten. Die ersten blieben stehen, als er das Transparent aufspannte: „Ich verbrenne gleich hier Geld, zuschauen kostenlos“.

Melanie Groß freute sich. Endlich einmal Geld verbrennen! Das machten doch all diese coolen Banker, die zündeten sich sogar ihre Zigarren mit Tausend-Euro-Scheinen an. Sie hatte irgendwie ja nie genug Geld gehabt, immer nur das Notwendigste in allem. Die Mindestgrundausstattung. Auch ihr Mann, von dem sie Gott sei Dank inzwischen geschieden war: Mindestgrundausstattung – und selbst die ziemlich störungsanfällig. Nein, Melanie Groß freute sich. Es machte ihr auch nichts aus, bei diesem Scheißwetter im Bikini am Eingang des Kaufhauses zu stehen. So zog man nun mal die Leute an, animierte sie dazu stehenzubleiben. Und ihre Bikinifigur war, na ja, etwas besser als die Mindestgrundausstattung. Außerdem würde ihr gleich warm werden, wenn sie das Feuerzeug an den Fünfziger hielt. War ja für eine gute Sache, hatte man ihr erklärt.

*

Halbe Stunde noch, dann waren sie am Ziel. Keine Ahnung, was sie dort erwartete. Doppelgänger! Sie sollten so tun, als seien sie ihre eigenen Doppelgänger! Was für eine Erniedrigung! Wenigstens hatten sie einen Fernseher im Bus, CNN war eingeschaltet. In ganz Deutschland, so wurde berichtet, waren am Nachmittag und späten Abend auf öffentlichen Plätzen Geldscheine verbrannt worden. Es hatte Ausschreitungen gegeben, empörte Passanten als Lynchmobs, die Polizei war nur mit Mühe in der Lage gewesen, das Schlimmste zu verhindern. In der Stadt, in die sie gerade unterwegs waren, hatte man eine Frau im Bikini benahe geteert und gefedert, als sie einen Fünfzigeuroschein in Brand steckte. Ah, diese Germanen! Taten so, als seien sie die Geldgeilheit in Person und dann hauten sie dermaßen auf die Kacke!
Dem kleinen Deutschen war angesichts der Bilder schlecht geworden. Er stolperte zur Toilette, um sich zu übergeben. Geld verbrennen, das hatte er seinerzeit höchstselbst und nur im großen Stil gemacht und richtig verbrannt hatte er es auch nicht, das Geld war wundersamerweise anderswo immer wieder aufgetaucht, vorzugsweise in den Taschen der Leute, die gerne Parteien etwas spendeten. „Ich war damals“, schwadronierte er, als er bleichen Gesichts wieder auftauchte, „praktisch auch die FDP! Ich war überhaupt alles damals!“
Angeber, dachte der kleine Franzose. Aber schon richtig: Was sollte dieses Geldverbrennen, was steckte dahinter? Und vor allem: WER steckte dahinter? Das wussten auch die von CNN nicht. Befragungen der Geldverbrenner – lauter arme Würstchen – hatte ergeben, dass diese von Unbekannten angeheuert worden waren, zwanzig Euro Vorschuss und fünfzig nach vollbrachter Tat, die stets darin bestand, ein paar Geldscheine im Wert von allenfalls 100 Euro zu vernichten. „Eure fucking Chancellorin!“ fluchte der kleine Brite und, fürwahr, der Typ hatte wohl recht. Aber warum machte Angela das? Was bezweckte sie? Der kleine Franzose grübelte. Jetzt fuhren sie in jene Stadt ein, wo sie als ihre eigenen Doppelgänger im Hinterzimmer einer schäbigen Kneipe zusammenkommen sollten. Auch hier: Wozu das Ganze eigentlich? Er wusste es wirklich nicht.

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