07.06.2012 –547–

„Der Mann, der Emily Pluster war“ – was für ein Titel! Alleine dieses Titels wegen würde das gemeine Lesevolk, der homo thrillerienses, den Roman in den Buchhandlungen geradezu zwang- und rauschhaft vom Stapel greifen. Emily Pluster, dieses Erotikkonzentrat, lange dunkle Haare, Augen wie klaftertiefe Smaragdseen im milden Sonnenlicht nördlicher Tage, Titten wie Kilimandscharos ohne Schnee. Aber auch: eine Frau mit Geheimnissen, mit den in Krimis so beliebten Abgründen, eine Mischung aus Engel und Dämon, quälender und gequälter Kreatur, also Angela Merkel und Philipp Rösler.

Marxer betrachtete sich, das heißt: Emily Pluster, wohlgefällig im Spiegel. Sexuell indifferent, ganz genau. Emily Pluster, die es mit allem trieb, was Triebe hatte, Obstbäume eingeschlossen. Von Stig Larsson lernen hieß siegen lernen. Siegen lernen hieß: Spiegel-Bestsellerliste.
Diese Irmi! Eine irre Phantasie hatte die Alte. Sie waren, am Küchentisch sitzend und Kaffee trinkend, ins Plotten gekommen, einander die Einfälle wie Fußbälle zukickend. Emily Pluster wäre nicht nur Autorin, sondern auch Heldin der neuen Reihe, „pass mal auf, Junge, warum ist Emily nicht die klandestine Tochter von Margarethe von Gleiwitz, der adeligen Terroristin mit dem Sprengstoffgürtel von Gucci, und Hugo Schmand, dem tragischen Studentenführer, den ein unbarmherziges Schicksal zum Unternehmer für Autozubehör gemacht hat?“ Prima, eine neue Deutungsebene für die Krimblogger, dieses Spannungsproletariat des Internets! Ein historisch-gesellschaftskritischer Roman, wie geschaffen für traurige Feuilletonisten und muntere Leserunden auf der Krimicouch!
Marxer hatte es sehr bedauert, als Oxana, Sonja und Kriesling-Schönefärb, der nur noch als Linda angesprochen werden wollte, vom Shopping kamen und das ergiebige Brainstorming abrupt beendeten. „Guck mal, Linda hat sich Reizwäsche gekauft!“ platzte Oxana heraus und zog dunkelrote Seidenfähnchen aus der Einkaufstüte. Pff! Reizwäsche! Hatte die wohl nötig! Aber doch nicht Emily Pluster! Die war auch in Angoraunterhosen das ewig lockende Weib, die personifizierte Sünde. „Okay“, sagte Irmi und stand auf, „wir sollten uns so langsam fertig machen für heute Abend. Wer will von den Damen als erste ins Bad?“ Marxers Zeigefinger schnellte spontan hoch.
Noch den Kajalstift. Emily Pluster würde sich aufbrezeln wie noch keine weibliche Romanfigur vor ihr. In all den Jahren seiner Tätigkeit als gehobener Unterhaltungsschriftsteller mit leisem Sehnen nach dem Büchner- und dem Nobelpreis hatte Marxer schmerzlich lernen müssen, dass nichts so sehr zog wie Erotik, selbst, ja vor allem in den sogenannten gebildeten Kreisen, den Geografieprofessoren, evangelischen Pfarrern und katholischen Oberstudienräten, die einen Krimi nur unter der Bettdecke lasen, als wären sie noch kleine Kinder. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach knallhartem Eros, nach quietschebunter Action sowieso. Emily Pluster würde diese Bedürfnisse in literarisch ansprechender, aber nicht zu anspruchsvoller Form befriedigen, das war jetzt klar wie die sprichwörtliche Kloßbrühe.
Endlich fertig. Jetzt hieß es warten, denn der Rest der anwesenden Damen enterte nacheinander das Bad und arbeitete an den Fassaden. Irmi brauchte am kürzesten, „ich wasch mir das Gesicht mit Kernseife, das reicht schon“. Gelegenheit, sie auszufragen. Wie war das denn so 1968? Hatte die Alte Kontakt zu echten Terroristen gehabt? Irmi lächelte. „Na ja, eigentlich nicht direkt, aber eine adelige Linke habe ich tatsächlich mal gekannt. Im Schloss aufgewachsen, später einen Kinderladen gegründet, antiautoritäre Erziehung und so. Heute lebt sie, glaube ich, als Millionärsgattin in einem umgebauten Hamburger Loft und wehrt sich dagegen, dass ihre Plagen auf die gleiche Schule wie die Kinder von Hartz-IV-Empfängern müssen.“
Prima, dachte Marxer, das bau ich auch noch ein. Ich decke alle Zielgruppen ab, mir entgeht kein Schwein.

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