06.06.2012 –546–

Krankenbesuch. Schmeichel musste an sich halten, um nicht laut los zu lachen! Ein Häufchen Elend, dieser Rüchel! Lag schwitzend in seinem Hotelbett und stöhnte! Kräftig bedauern, das half immer, das machte den Burschen noch kränker. „Kann ich irgendetwas für Sie tun?“ Den barmherzigen Samariter spielen, jo! Ihm ein paar Schmerztabletten da lassen. „Das ist eine normale Reaktion des Körpers, er schwitzt die Krankheit aus sich heraus.“ Könnte sogar stimmen, keine Ahnung. Rüchel jedenfalls nickte matt und sagte: „Danke, Sie sind wirklich ein sehr fürsorglicher Mensch. Sie geben mir den Glauben an meine Spezies zurück.“ Hm, so redeten Killer.

Er schaute nach dem Verband, erklärte ihn für den Vorschriften entsprechend, empfahl strengste Bettruhe und verabschiedete sich. Ob er ihm eine Frauenzeitschrift hätte mitbringen sollen? Machte man doch bei Krankenbesuchen. Das nächste Mal vielleicht. Jetzt rief der Job. Er begab sich zur Villa des Kriminalautors und bezog Posten. Jetzt bloß keine Gefühlsduseleien. Die beiden Transvestiten mussten endlich eliminiert werden, kein Kunstmord für die Kritiker, sondern ein schnöder, schmutziger Mord fürs sensationsgeile Volk. Wegpusten, paff, paff.
Sie kamen in einem Rudel aus der Villa. Die beiden als Frauen verkleideten Typen und gleich vier richtige Frauen, darunter Rüchels wehrhafte Alte. Sie gingen zu Fuß, was Schmeichel überraschte. Zu dieser Kneipe wahrscheinlich, kombinierte er und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Amoklauf, das war es. Er hatte die Tasche mit dem auseinandermontierten Maschinengewehr bei sich, das würde er zusammensetzen und dann einfach rein in die Kneipe, einmal Links-, einmal Rechtsschwenk, ein paar Hundert Kugeln verteilen, morgen wären Zeitungen und Fernsehen voll davon. Mit etwas Glück schaffte er es sogar in den Jahresrückblick.
Genau. Sie steuerten diese „Bauernschenke“ an. Er wartete bis sie drin waren, suchte sich ein lauschiges Plätzchen, öffnete die Tasche.

*

Endlich. Schmeichel war weg. Er stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Altes Hausrezept, um die Schule schwänzen zu können oder sich vor dem Militärdienst zu drücken. Einfach einen Tee kochen, sieben verschiedene Kräuter, die hatte er sich aus der Apotheke besorgt. Rüchel grinste sich im Badezimmerspiegel an, er mochte sich irgendwie. Und wie Schmeichel geguckt hatte! Ganz schlechter Schauspieler! Wenigstens eine Frauenzeitschrift hätte er ihm mitbringen können, das war doch so Usus bei Krankenbesuchen.
Heute war die Nacht der Entscheidung. Am Mittag hatte Rüchel Schmeichels Zimmer durchsucht, seine leichteste Übung. Und dabei die Tasche mit dem auseinandergenommenen Maschinengewehr entdeckt. Aha, daher wehte der Wind. Die alte Nummer mit dem Amoklauf. Du killst ein Dutzend Leute, obwohl du nur einen oder zwei meinst, die Polizei wird ewig im Dunkeln tappen. Die Idee stammte aus einem schwedischen Krimi, das war sozusagen Schulliteratur für Killer, musste man einfach lesen. Wunderbar, dachte Rüchel, das erleichtert mir die Arbeit ungemein.
Er ließ sich Zeit. Kleidete sich sorgfältig an, wählte farblich aufeinander abgestimmte Klamotten, frisierte sich geschmackvoll, putzte sich noch einmal die Zähne. Stil war alles. Schmeichel wollte also die beiden als Frauen verkleideten Kerle töten. Schade, sahen gut aus, die Mädels. Wären eine ideale Doppelspitze für die Linkspartei gewesen. Zwei Frauen in den Führungspositionen, mein Gott, wie die sich zerfleischt hätten! Rüchel grinste. Die Wunde tat noch weh, aber es war auszuhalten. Die Aussicht auf das Kommende beflügelte ihn. Pfeifend verließ er das Hotel.

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