05.06.2012 –545–

Marxer! Marxer? Ja, war es denn möglich? Der ach so hilfsbereite und joviale Dichter als gegnerischer Maulwurf, schmieriger Verräter, falscher Hund? Dass er sich nach dem Karneval der Griechen erkundigt hatte, legte es nahe. Und war auch so unlogisch nicht, wenn man bedenkt, was der Mann beruflich machte: Krimis schreiben. Ich bitte Sie, wer kommt schon auf die abstruse Idee, Krimis zu schreiben? Menschen mit moralischen Defiziten, kalten Herzen und übersteigerten, gnaden- und rücksichtslosen Egos. Was dies anbetraf, war Marxer ein Musterbeispiel seiner Zunft.

Mir war schon lange unangenehm klar, dass irgend jemand in unserer bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft ein falsches Spiel spielen musste. Sonja Weber? Sie war bisher meine Favoritin gewesen, eine Frau, die nicht die Wahrheit sagte, sich nicht durchschauen ließ. Aber Marxer? Das überraschte mich jetzt doch ein wenig. Gut, vielleicht hatte sich Nullos Fiscalis geirrt, meinte gar nicht Marxer, sondern, was weiß ich, einen Merker oder Murkser. Und warum sollte sich der Krimiautor mit seinem richtigen Namen bei dem griechischen Großhändler melden? Fühlte er sich so sicher?
Ich gebe zu, dass ich für geraume Zeit die Orientierung verlor. Nun, das war nichts Besonderes, wie ich leider auch zugeben muss. Aber das machte die Sache nicht angenehmer. Ich beschloss, vorerst nichts zu unternehmen, Marxer jedoch unter verschärfte Beobachtung zu stellen. Den Gedanken, Oxana zu informieren, verwarf ich. Konnte ja sein, dass ich mich furchtbar täuschte.
Irgendwann gegen drei erschien Annamarie Kainfeld doch noch im Büro. Sie machte einen aufgeräumten Eindruck, was man von meinem Schreibtisch schon lange nicht mehr behaupten konnte. „War was?“ fragte sie routiniert und reagierte auf mein Kopfschütteln mit einem Kopfnicken. Zu gern hätte ich ihr die Frage zurückgegeben. Wenn Marxer tatsächlich… dann war meine Sekretärin, seine Geliebte vielleicht auch zugleich seine Komplizin? Was wusste ich schon über Annamarie Kainfeld? Dass sie mir zugewiesen worden und die Tochter von Lydia Gebhardt war, eine fähige Sekretärin, gewiss – aber gehörte all das vielleicht zu einem teuflischen Plan, als dessen Drahtzieher dieser unsägliche Krimiautor agierte?
Ich versuchte so zu tun, als langweile ich mich, meine leichteste Übung nebenbei, weil ich meistens nicht einmal so zu tun brauche. Die Kainfeld verfügte sich zum Kaffeekochen in die Küche und ich fragte mich zum wiederholten Mal, ob man einem Menschen, der gerade vom Geschlechtsverkehr kommt, das nicht irgendwie ansehen muss. Muss man eigentlich – aber ich hatte nicht das Talent für so etwas. Seufzend wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu und spielte Schiffeversenken auf dem Computer.
So vergingen die länglichen Minuten und Stunden. Was würde mich heute Abend in der „Bauernschenke“ erwarten? Ein seltsames Zusammentreffen mit seltsamen Personen, das gewiss. Wieder ein Schachzug des diabolischen Marxer? War etwa er jenes furchtbare Gehirn, dessen krankhaften Wucherungen wir alle hier unsere Existenz verdankten? Spielten wir etwa in einem METAKRIMI mit? Mir wurde heiß und kalt. Draußen saß Annamarie Kainfeld vor ihrem Computer und summte ein fröhliches Lied. Sie tat mir leid. Sie wusste nicht, dass auch sie nur eine schnöde Erfindung war, ein allein zum Zwecke des sexuellen Wohlbefindens des Herrn Marxer von dessen empirischem Alter Ego geschaffen… Moment mal, was für einen Mist gab ich da von mir? Warum dachte ich plötzlich so geschwollen? Weil ich selbst ja willenlos war, weil ich so denken MUSSTE! Ich stand auf und ging auf und ab. Es gab keine Hoffnung. Der machte mit einem was er wollte. „Ruhe!“ brüllte ich, das Lied draußen verstummte und Annamarie Kainfeld machte affektiert „Huch!“. Dann sagte sie gelassen: „Sie sollten wir mal ordentlich vögeln, Chef, ich glaube Ihre Hormone spielen gerade verrückt.“ Wie recht sie doch hatte!

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