04.06.2012 –544–

Merde! Nahm dieses Deutschland nie ein Ende? Seit geschätzten 12 Stunden fuhren sie nun schon durch die schreckliche Landschaft, nichts wie Fabriken und sonstige Protzereien des Exportvizeweltmeisters. Natur? Gab es nicht. Ein paar Wälder, ja schon, darauf waren sie auch stolz, da siedelten sie ihre „Waldeinsamkeit“ und den Rest ihrer merkwürdigen Romantik an. Er begann ein Lied zu summen. Sur le pont d’Avignon, on y danse on y danse… Wehmut überfiel ihn. Wehmut nach seiner betörend schönen Frau, seinem betörend schönen neuen Kind, nach einem Pastis auf der Terrasse eines typischen Pariser Bistros. Und hier? Fuhr er an einem Biergarten nach dem anderen vorbei. Dort hockten dicke, lärmende Menschen in Lederhosen an Holztischen und ertränkten den letzten Rest Kultur mit diesem widerlichen Gebräu… Ja, er war irgendwie schlecht gelaunt. Sein Rücken tat ihm weh. Seine Schuhe, die mit den extrahohen Absätzen, drückten. Er hätte sie gerne ausgezogen, mais malheureusement, sie rochen nach fromage. Allerdings dem guten französischen, das verstand sich von selbst.

Der kleine Deutsche schwadronierte lauthals in miserablem Englisch. Er, tönte der unangenehme Mensch, habe schließlich mit „meiner famosen Agenda“ den Neoliberalismus gleichsam erfunden. Zugeben würde er das heute natürlich nicht mehr, seine Partei noch weniger. Im Gegenteil. Seine Partei lebe gerade gut davon, gegen die Folgen dieser Agenda zu wettern. Das sei doch genial gelaufen, oder? Der Engländer sah aus, als lutsche er gerade eine Zitrone. „No way“, sagte er bestimmt, den Neoliberalismus habe die Eiserne Lady erfunden! Angela?, durchfuhr es den kleinen Franzosen, hat Angela das auch noch erfunden? Sofort sehnte er sich nach den schönen Tagen im Mecklenburgischen zurück, als sie im Vorgarten der Kanzlerin saßen, ihr merkwürdiger Mann und seine betörend schöne Frau dabei, als sie Würstchen auf Holzkohle grillten und sich ständig abbusselten. Tempi passati, seufzte er. Hoffentlich war man bald am Ziel.
Der kleine Spanier sagte nichts. Er saß am Fenster, starrte hinaus und grübelte. Hatte er als Regierungschef einen Fehler gemacht? Zugesehen, wie sich die Immobilienblase immer weiter blähte, bis sie… nein, hallo? Er war Politiker, er machte von Natur aus keine Fehler! Es war halt alles dumm gelaufen und „die Märkte“ eben! Was sollte man gegen die schon ausrichten! Okay, sein Nachfolger machte definitiv Fehler! War immer so! Aber was machte er eigentlich? Hier? Mit diesen abgehalfterten Burschen, dem permanent notgeilen Italiener, dem dröhnend jovialen Deutschen, dem schmierigen Franzosen, dem arroganten Engländer? Und was war dieser NRWleidige eigentlich? Ein ehemaliger Umweltminister? Das war doch nicht seine Klasse!
Geld, dachte der kleine Franzose. Ich brauche viel, viel Geld. Also ist es in Ordnung, wenn ich dagegen ankämpfe, dass die Regierenden das Geld abschaffen wollen. Indem ich dafür sorge, dass dieser Plan vereitelt wird, gelange ich wieder an die Macht. Indem ich an die Macht gelange, bleibt meine betörend schöne Frau bei mir und wir machen ein weiteres betörend schönes Kind. Indem meine betörend schöne Frau bei mir bleibt, komme ich aus der Klatschpresse gar nicht mehr raus. Indem ich aus der Klatschpresse gar nicht mehr rauskomme, bleibe ich auch an der Macht. Indem ich an der Macht bleibe, treffe ich zweimal im Monat SIE. Angela… wir umarmen uns… wir küssen uns… wir streiten uns und natürlich gewinnt am Ende immer sie. Wir grillen zusammen Würstchen… wir quälen die doofen Engländer und Amerikaner und Griechen und und und…
Seine Stimmung besserte sich schlagartig. Doch kein so hässliches Land, dieses Deutschland. Sogar Natur hatten die, echte Natur! Weinberge! Lauschige Wälder und blühende Felder! Schneemänner! Nur dieser kleine Deutsche, der Stiefellecker des noch viel kleineren Russen… na ja, keine Konkurrenz. Er würde ihn ausschalten, schon allein um ihr zu gefallen: Angela…

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