31.05.2012 –540–

Ich war pappsatt. Wie immer war mir im „Antigone“ eine Essensportion vorgesetzt worden, die wahlweise einen Zyklopen oder die Besatzung des Trojanischen Pferdes zufriedengestellt hätte. Ein Ouzo zur Verdauung. Skylla zwinkerte mir zu und sagte „Prösterchen“. Ich schloss die Augen und kippte den guten Stoff dem guten Essen nach. Arbeiten? Jetzt arbeiten? Fast unmöglich. Dass ich den „Karneval der Griechen“ nicht hatte entschlüsseln können, war natürlich schade, aber nicht zu ändern. Hatte sich Lydia Gebhardt vielleicht geirrt? Hieß es nicht „Karneval der Griechen“, sondern „Karneval der Kriechtiere“? Unsinn. Ich würde weiter recherchieren müssen.
Vor dem Restaurant zündete ich mir eine Verdauungszigarette an, auch beim Essen ist die Zigarette danach ein nicht zu unterschätzendes Vergnügen – ein Bekenntnis, das man mir inzwischen wohl aus jedem Roman wegen political incorrectness streichen würde. Auch Drachmos Europoulos schien so zu denken, stand er doch am Heizpilz und schmauchte genüsslich sein Pausenzigarettchen.

Der Wirt, dessen ausladender Bauch ihn als besten Kunden seines Etablissements auswies, winkte mich zu sich. „Karneval der Griechen?“ fragte er, „Wie kommen Sie denn da drauf?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Hab ich vor kurzem mal irgendwo gehört. Wissen Sie, was das ist?“ Europoulos schaute nicht aus, als würde er mir ein Wort glauben. „Tjaaaa“, zog er sinnierend lang, „Karneval der Griechen! Wie lange ist es her, dass ich davon gehört habe. In meiner Jugend war das anders.“
„Ahaaaaaa“ zog ich noch länger. „Genau“, bestätigte der Wirt. „Da wo ich herkomme, haben wir jedes Jahr den Karneval der Griechen gefeiert. Sie kennen Homer? Die Odyssee? Das Trojanische Pferd?“ Kannte ich als Literaturkenner natürlich. „Das müssen Sie sich so vorstellen wie den Rosenmontagszug in Köln. Nur ziehen beim Karneval der Griechen keine Wagen mit bonbonswerfenden und besoffenen Faschingsprinzen durch die Straßen, sondern – trojanische Pferde eben.“
„Ui!“ machte ich verblüfft. „Und wer steckt in den Pferden drin?“ „Na die üblichen Verdächtigen“, antwortete Drachmos. „Unsere korrupten Politiker, steuersparenden Millionäre, faulen Beamten. Das Trojanische Pferd hat den Vorteil, dass man die Visagen von den Burschen nicht sehen muss. Es gibt kleine Schlitze im Holz und daraus werfen sie keine Bonbons, sie werfen Geldscheine und Arbeitsverträge. Dafür müssen wir sie dann alle vier Jahre wählen, das ist das Abkommen.“
Diese ehrwürdige Tradition hätte auch bei uns gute Chancen, überlegte ich. So etwas Ähnliches gab es ja bereits, man nennt es Wahlkampf. Die Trojanischen Pferde sind die Wahlplakate, aber statt Geldscheinen und Arbeitsplätzen werden Luftballons und Kugelschreiber verteilt.
„Seit wir in der EU sind“, fuhr der Wirt fort, „ist der Karneval der Griechen allmählich in Vergessenheit geraten. Doch ein bisschen zu auffällig für die in Brüssel.“ Konnte ich nachvollziehen. „Und man macht das wirklich nicht mehr? Nirgendwo mehr?“ Europoulos überlegte angestrengt. „Hm, nein, nicht dass ich wüsste. Auch die griechische Gemeinde hier bei uns hat davon Abstand genommen.“
Griechische Gemeinde? Der Wirt nickte. „Ja, sind nicht viel, aber immerhin. Sie können ja mal dort nachfragen, ob die Genaueres wissen. Der Vorsitzende heißt Nullos Fiscalis, er besitzt einen Großhandel für griechische Spezialitäten, also Ouzo, Auberginen und Sirtaki-CDs.“
Ich bedankte mich und zog bürowärts. Immerhin eine leichte Spur. Die Adresse dieses Fiscalis würde ich aus dem Telefonbuch recherchieren, man war schließlich Profi. Und dann? Keine Ahnung. Jetzt war ich jedenfalls müde und nahm mir vor, das zu tun, was jeder gute griechische Beamte aus dem FF beherrscht: ins Büro gehen und fest schlafen.

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