30.05.2012 –539–

Den Rest des Vormittags verbrachte ich mit Nichtstun, das ich Nachdenken nannte. Das Vokabular des höheren Beamtentums saß mir also schon in sämtlichen Genen. Ich überlegte mir, ob man an Vormittagen nicht besser vordenken sollte, damit man an den Nachmittagen besser nachdenken konnte… Ich weiß nicht, ob diese Reflexion irgendeinen Wert für die Menschheit besaß, aber sie erfüllte ihren Zweck: Sie vertrieb mir die Zeit.

Von Wollzogen-Dünnbiers Besuch hatte mich tatsächlich nachdenklich gemacht. Warum wollte er, dass ich mit irgendwelchen Typen sprach, angeblichen Prominenten, die – wie der Butler ganz im Vertrauen geflüstert hatte – „nur ihre Pflicht tun“ wollten? Etwas stimmte hier nicht, ich witterte Ungemach. Dennoch hatte ich das Angebot meines Gastes, die Herrschaften heute Abend im Nebenzimmer der „Bauernschenke“ zu treffen, akzeptiert. Wir könnten essen und trinken was wir wollten, Geld spiele keine Rolle – aber natürlich würde genau Geld eine Rolle spielen, die beunruhigende Tatsache nämlich, dass es bald keine Rolle mehr spielen sollte. Aber war das wirklich so beunruhigend? Je mehr ich darüber nachdachte (oder vordachte?), desto zweifelhafter wurde mir die unbedingte Notwendigkeit von Währungssystemen. Früher hatten die Leute doch auch getauscht, oder? Sie saßen auf ihrer eigenen Scholle, waren Selbstversorger und immer, wenn die Hausfrau Schmuck oder was Geiles zum Anziehen wollte, wurde ein Schwein geschlachtet und bei einem, der Schmuck besaß, aber mal ein anständiges Schnitzel essen wollte, eingetauscht. Ok, es gab Grenzen. Jemand schreibt Gedichte und möchte eine Gucci-Handtasche dafür. Dumm gelaufen. Jemand schrieb Krimis und wollte lieber zwei Wochen Urlaub auf den Malediven machen. Nun ja, er könnte hinschwimmen.
Gegen Mittag verließ ich mein Büro, sah mich – inzwischen routinemäßig – nach auflauernden Killern um, erspähte keine – nur eine mittelalte Frau kam mir verdächtig vor – und entschied mich für einen Besuch beim Griechen. In diesen harten Zeiten müssen die Gebeutelten der Erde zusammenhalten, which side are you on, erklang der alte Gassenhauer der Gewerkschaftsbewegung in mir.
Karneval der Griechen… Karneval der Griechen… so hatte Lydia Gebhardt es genannt und bislang war ich auf der Suche nach dem Sinn dahinter noch nicht fündig geworden. Von Drachmos Europoulos, dem gemütlichen Wirt des Spezialitätenlokals „Antigone“ erhoffte ich mir… ja, was eigentlich? Nicht viel. Im Grunde hatte ich lediglich Appetit auf Gyros mit Tsatsiki und die sehr nette Bedienung der beiden Europoulos-Töchter Skylla und Charybdis, deren Anwesenheit gewiss für die Hälfte des Restaurantumsatzes verantwortlich war.
Es war um diese Zeit nicht viel los im „Antigone“. Charybdis spülte gelangweilt Biergläser, Skylla glättete die Eselsohren aus den Speisekarten. Eine davon brachte sie mir. Ich zauderte nicht und bestellte Gyros mit Pommes, die große Portion natürlich, dazu einen trockenen Roten. „Eine Minute Zeit?“ fragte ich die Schwarzhaarige, als sie mir den Wein brachte und einschenkte. Sie sah sich um und nickte. „Nur eine Frage“, sagte ich, „was versteht man unter dem Karneval der Griechen?“ Sie schaute verdutzt. „Karneval der Griechen? Also im Moment ist denen wohl nicht nach Karneval zumute. Vielleicht irgend so ein Fest der Griechen, die in Köln oder Düsseldorf oder Mainz leben. Ich kann ja mal meine Schwester fragen. Momentchen bitte.“
Sie tat es. Ich beobachtete, wie Charybdis interessiert, wenn auch ziemlich ratlos zu mir herüberschaute. Sie wisse es auch nicht, vermeldete Skylla und zuckte bedauernd mit den Schultern. „Ob Sie wohl mal kurz Ihren Vater fragen könnten? Vielleicht ist es ein alter Brauch aus seiner Heimat.“ Sie versprach es und widmete sich zunächst einem neuen Gast, dem sie die Vorspeisenplatte „Special Olympics“ empfahl, eine gute Wahl, wie ich aus eigener Erfahrung hätte bestätigen können.

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