29.05.2012 –538–

In der „Bauernschenke“ gab es kein Hinter- oder Nebenzimmer. Wie kam der Anrufer nur auf die Idee? Monika und Helga wussten es nicht. Es gab eine Art Abstellkammer, wo ausgemusterte Tische und Stühle gestapelt waren, ein muffiger Raum, den sie eigentlich als Raucherzimmer hatten anbieten wollen, aber war ja inzwischen ebenfalls verboten. „Okay“, hatte der Anrufer nur gesagt, „ich miete den Raum. Was soll es kosten?“ Da waren sie doch böse geworden. Konnte nur ein schlechter Scherz nein. „1000?“ fragte der Anrufer und die Zwillinge schauten sich verblüfft an. Klar, war ein Scherz. Der Anrufer solle sich verpissen, giftete Monika ins Telefon. Der verpisste sich keineswegs, sondern sagte: „1500. Und wir machen auch ne gute Zeche. Fast alle Teilnehmer unseres kleinen Konvents sind begnadete Säufer.“

Konvent? Der Anrufer erklärte es ihnen. „Ja, der Konvent der Doppelgänger. Ich rufe an im Auftrag der internationalen Gesellschaft der Doppelgänger aus Wirtschaft und Politik. Unsere Mitglieder sehen alle aus wie Zwillinge von Politikern und sonstigen Mächtigen. Verstehen Sie? ZWILLINGE. Deshalb wollen wir unser Treffen unbedingt bei Ihnen abhalten. Weil Sie natürliche Zwilling sind.“
Doch kein schlechter Scherz? Der Anrufer versprach eine Anzahlung von 500 Euro per Eilboten zu schicken, höchstens 2 Stunden würde das dauern. Da knickten die Wirtszwillinge ein. 500 Euro, dafür konnte man schnell das Zimmerchen leer räumen. Tatsächlich: Nach exakt zwei Stunden erschien ein Fahrradkurier, blätterte fünf Hunderter auf den Tresen und verabschiedete sich. Die Zwillinge begannen sofort mit dem Ausräumen.

*

Im Autobus? Hallo? Wer war er denn? Doch immerhin der gewesene Präsident Frankreichs und daran gewöhnt, erster Klasse mit dem Flugzeug zu reisen und nicht mit einem ordinären Oootobüss! Auch die anderen rümpften die Nase, sogar der kleine Engländer, der sich endlich von den Feierlichkeiten seiner Queen hatte losreißen können und angereist war. Er mochte ihn nicht. Sozialist! Das waren die schlimmsten! Angeblich verdiente er 10 Millionen im Jahr. Pfund! Nicht diese popeligen Euros, über die er sich immer mit der SCHWARZEN WITWE gestritten hatte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Euroraum zu verlassen und das Pfund als Währung zu übernehmen. Naja, zu spät, musste jetzt dieser andere, dieser Holländer machen.
Sie fuhren über breite Straßen an großen Gebäuden vorbei, die bekannte Namen trugen: VW, Siemens, Bosch, Hinternet, Mercedes. Fabriken, so nannte man das, wusste der kleine Franzose. Die Deutschen verbrachten die längste Zeit ihres Lebens in Fabriken, was ihn nicht verwunderte, denn Deutschland war ein potthässliches Land. Man hielt sich hier nicht gerne im Freien auf. Der kleine Italiener sah von seinem Pornomagazin auf und zwinkerte ihm zu. Genau, da war man als Südländer einfach schlauer.
Inzwischen hatten sich der kleine Deutsche und der NRWehleidige bereits besoffen und grölten deutsche Volkslieder. Widerlich! Wenn der kleine Franzose besoffen war, musste er die wunderbaren Chansons seiner betörend schönen Frau grölen, die gerade mit ihrem betörend schönen neuen Kind in Frankreich weilte und sich vergnügte. Das wusste er genau. Sie war von der Natur so eingerichtet, immer nur Vergnügen, nur Vergnügen, niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, in einer Fabrik zu arbeiten.
Wohin fuhren sie eigentlich? In eine Kneipe, hatte man ihnen erzählt. In eine deutsche Kneipe! Was für eine Beleidigung seines guten Geschmacks! Er sah wieder aus dem Fenster. Nichts als Fabriken, Fabriken, Fabriken! Graue Menschen, die aus dicken BMW- und Mercedeslimousinen stiegen, um ihrer eintönigen Arbeit nachzugehen. Wie gut, dass er kein Deutscher war.

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