28.05.2012 –537–

Von Wollzogen-Dünnbier verstand einen Kaffee zu brauen, der einem den Glauben an den Adel wiederzugeben vermochte, auch wenn dieser inzwischen ziemlich auf den Hund gekommen war. „Für wen arbeiten Sie eigentlich?“ wollte ich wissen, eine Frage, die der Butler mit einer formvollendet versteiften Oberlippe beantwortete. „Ein Geheimnis?“ fragte ich weiter und von Wollzogen-Dünnbier nickte nachdenklich. „Könnte man so sagen, aber bitte nehmen Sie das nicht als persönlichen Affront oder gar ein Zeichen des Misstrauens. Es liegt in Ihrem eigenen Interesse, wenn Sie das nicht wissen – noch nicht wissen.“ „Oha“, sagte ich, „und weswegen sind Sie hier?“

Er schenkte mir Kaffee nach. „Sehen Sie“, begann er endlich, „ich stamme aus einem sehr alten Adelsgeschlecht. Die von Wollzogens waren vielleicht noch nicht bei der Schlacht im Teutoburger Wald dabei, aber die Völkerschlacht zu Leipzig haben Sie munter mitgemacht und auch in Stalingrad haben sie ihren Blutzoll… nun ja, lassen wir das. Was ich damit sagen möchte: Wir haben unsere Pflicht für das Vaterland getan, ganz egal, wer gerade regierte.“
„Da haben Sie aber einige Male ganz herrlich die Arschkarte gezogen“, konterte ich knapp und von Wollzogen-Dünnbier nickte abermals nachdenklich. „Könnte man so ausdrücken, ja. Pflichterfüllung ist eines der Opfer, die der Adel bringen muss. Selbst heutzutage, wo man mit einem „von“ vor dem Namen keine Burgen mehr bauen und Kaufleute überfallen darf, hat sich das nicht geändert. Wenn wir nicht mehr bedient werden, müssen wir halt dienen, das sind nur zwei gegensätzliche Formen ein und derselben Sache. Sie als Bürgerlicher können das vielleicht nicht verstehen – obwohl: Ich schätze Sie anders ein. Auch Sie tun ja nur Ihre Pflicht, oder?“
Fangfrage. Ich verzehrte gemächlich mein Salamibrötchen und ließ mein Gegenüber auf die Antwort warten. Unter anderem deshalb, weil mir keine vernünftige einfiel. „Sie sagen nichts?“ fragte von Wollzogen-Dünnbier, „nun, ich bin mir dennoch sicher, dass es so ist. Wären Sie sonst – erlauben Sie mir den Fäkalienausdruck – so knietief in der Scheiße, wie Sie es unbestreitbar sind?“
Ich erlaubte und nickte. Wer in meinen Gedanken lesen konnte, der hatte auch mitgekriegt, dass ich mich seit geraumer Zeit mit allem anlegte, was mir in die Quere kam. Und das war eine ganze Menge.
„Nun ja“, fuhr der Butler fort, „lassen wir das. Ich möchte Sie auch nicht weiter mit meiner Familiengeschichte langweilen, nur noch so viel: Die von Wollzogen-Dünnbiers sind für Ihre Überzeugungen auch gestorben. Das ist ein hoher Preis, aber man entrichtet ihn mit Freuden, wenn es dem Vaterland dient.“
Das wurde mir denn doch einen Schluck zu patriotisch. „Wie kommen Sie eigentlich zu dem Namen Dünnbier?“ fragte ich beiläufig. Der Gefragte wurde ein wenig verlegen. „Nun, um ganz ehrlich zu sein: Mein Großvater, ein unverächtlicher Mann, hatte eine Schwäche für Dienstmädchen. Na ja, das haben die meisten Adligen, aber mein Großvater nahm es mit dem Pflichtbewusstsein ein wenig zu genau und hat das von ihm geschwängerte Dienstmädchen, eine Louise Dünnbier, geehelicht. Nicht nur das: Er hat auch ihren Namen an seinen gehängt, was ihm die Verwandtschaft nie verziehen hat.“
Ich hatte mein Frühstück beendet und spülte mit dem letzten Rest des vorzüglichen Kaffees nach. Sagte dann: „Gut. Sie wollen mir Ihren Arbeitgeber nicht nennen, wofür ich Verständnis habe. Sie erzählen mir etwas vom Pflichtbewusstsein Ihrer Familie, was ich auch gut verstehen kann. Nur: Was wollen Sie eigentlich von mir?“
Jetzt lächelte mein Besucher. „Nichts Unmögliches oder gar Verwerfliches. Nur folgendes: Wären Sie bereit, heute Abend in der von Ihnen bevorzugt frequentierten Gastwirtschaft einige Leute zu treffen? Ein unverbindliches Zusammensein, nichts Illegales. Übrigens: Erschrecken Sie bitte nicht, wenn Sie die Herrschaften sehen. Sie kennen sie alle.“

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