26.05.2012 –535–

Er lebt noch. Aber wie. Fachgerecht verbunden, die Wunde gesäubert, „oberflächlich“ hat Schmeichel ihn beruhigt, „nicht besonders tiefe Fleischwunde, seien Sie froh, dass es eine alte besoffene Frau war, die Sie abstechen wollte.“ Haha, du grausames Schwein! Musst du mir das jetzt aufs Brot schmieren? Dazu grinsen? Rüchel mag keine sadistischen Samariter, er mag überhaupt keine Samariter. Musste sich natürlich bedanken und murmeln, er, Schmeichel, habe nun etwas bei ihm, Rüchel, gut. Worauf der nur mit den Schultern zuckte und antwortete, er glaube nicht, dass er jemals in die Verlegenheit komme, von einer alten besoffenen Frau abgestochen zu werden. Du blödes, blödes Arschloch.

Jetzt liegt er in seinem eigenen Hotelbett, ist allein, hat drei Schmerztabletten geschluckt und starrt auf den Verband an seinem Bauch. Schlafen ist nicht. Nur dumm rumliegen und grübeln. Er schaltet den Fernseher an. Ausgerechnet Nachrichten, er hasst Nachrichten, sobald das Wort „Athen“ fällt, fällt ihm die Kinnlade runter. Bayern München ist ein Gemälde, unter dem „Ohne Titel“ steht. Obama und Co. haben die Bundeskanzlerin in die Zange genommen, sie solle doch endlich investieren. Mein Gott, was für verdammt nichtige Nachrichten! Wen interessiert das? Ihn doch nicht! Er grübelt über diese Alte, er wird sie massakrieren, vorher foltern wie im Mittelalter – er muss jetzt aufpassen, dass ihn das nicht sexuell erregt, schließlich ist er keiner von diesen perversen Schlächtern, Killen ist ein Job wie andere auch, Metzger zum Beispiel.
Und Rüchel erst… Für den wird er sich etwas Besonderes ausdenken, hat er verdient, har, har… Auf kleinem Feuer rösten, so etwas in der Art. Er muss ihn davon abhalten, die Blamage öffentlich zu machen, das überlegt er sich gerade.

*

Eigentlich geht es Irmi gerade blendend. Sie ist in einem fremden Bett aufgewacht, was sie spontan an Achtundsechzig erinnert, da war eine Nacht, die man im eigenen Bett verbracht hat, eine verlorene Nacht. Okay, sie hat nur geschlafen, aber sie hat gut geschlafen. Gut und fest. Langsam kommt die Erinnerung zurück und, merkwürdig, sie beunruhigt Irmi keineswegs, ganz im Gegenteil, sie ist ein bisschen stolz auf sich. I almost killed a killer. Memoiren einer unerschrockenen, bis oben hin mit Eierlikör abgefüllten Alten. Müsste doch ein Bestseller werden, hihi.
Rührend, wie sich die Mädels um sie kümmerten. Oxana hatte ihr extra ein Omelette gemacht, Eier mal nicht in flüssiger Form, aber auch nicht schlecht. Krießling-Schönefärb spreizte beim Teetrinken schon den kleinen Finger ab, das war einer jungen Lady würdig. Nur Marxer war mürrisch. Konnte sie ja auch verstehen. Der hatte zwar gerne Frauen im Haus, aber nur bis zu einem gewissen Alter.
Der Fernseher lief, eine Untugend, aber sie war Gast im Hause, deshalb sagte sie nichts. Bayern München weinte immer noch und sehnte sich nach einem Titel. Die Bundeskanzlerin blieb eisern beim Sparen. Man hätte fast glauben können, die Welt drehe sich wie immer, alles im Lot, die üblichen kleinen Katastrophen.
Rührend fand Irmi auch, dass sich Moritz Klein bereiterklärt hatte, die blutigen Spuren der gestrigen Nacht in der Wohnung zu beseitigen. Darin zeigte sich wahre Freundschaft. Sie würde ihm einen Eierlikör ausgeben, sie würde allen hier Eierlikör ausgeben. Dann fiel ihr etwas ein, das ihre Stimmung sofort auf den Nullpunkt absenkte. „Was ist eigentlich mit dem Skalpell? Ihr wisst schon…“ Oxana blickte auf und machte ein überraschtes Gesicht. Gute Frage. Wusste sie jetzt auch nicht. „Wenn du es nicht in dem Kerl gelassen hast, muss er ja noch in der Wohnung sein, oder? Vielleicht hast du es auch wieder in deine Handtasche gesteckt? Automatische Handlung.“ Oh. Mein. Gott. Irmi lief es heiß und kalt über den Rücken. Die Handtasche lag neben ihr auf dem Frühstückstisch.

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