21.05.2012 –530–

Mein Gott, so etwas von langweilig! Der kleine Franzose dachte an seine betörend schöne Frau und seine betörend schöne neue Tochter. Die hockten jetzt in Paris und amüsierten sich, jedenfalls die betörend schöne Frau, das ahnte er, während man selber hier in einem muffigen Zimmer bei schlechten deutschen Weinen saß und diesem kleinen Deutschen zuhörte. Der hatte sich das Haar gefärbt, was der Franzose immer abgelehnt hatte. Er verfügte über echtes Schwarzhaar – und wehe, irgendjemand sagte etwas anderes, den würde er brutal verklagen. Käme man wenigstens noch mal in die Zeitung.

Obwohl… war ja ganz interessant eigentlich, was der Typ zu sagen hatte. Nur die Stimme war unangenehm, so deutsch-schnarrend-jovial, kam es dem kleinen Franzosen vor. Außerdem: Es ging gegen SIE, gegen die Frau, die er jahrelang innig hatte abknutschen müssen. Nicht dass es ihm Freude bereitet hätte. Aber man gewöhnt sich daran. Nun würde sich sein Nachfolger daran gewöhnen müssen. Der war gleich nach seiner Vereidigung nach Berlin gereist, hatte aber das Flugzeug wechseln müssen, weil es vom Blitz getroffen worden war. Ein kleiner Vorgeschmack, was ihn dort erwartete, was der kleine Franzose „die Hölle des Nordens“ zu nennen pflegte. Konnten dort überhaupt Flugzeuge landen? Besaßen die einen Flughafen? Da hatte doch was in der Zeitung gestanden.
Nun ja. Er war ihr nicht zur Loyalität verpflichtet. Und genervt hatte sie ihn mit ihrer Sparerei schon immer. Und mit dieser Geldlosigkeit. Jetzt sagte der kleine Deutsche, man müsse der Kanzlerin das Handwerk legen und überhaupt diesen gnadenlosen Spekulanten. Er sagte es natürlich nicht aus Überzeugung, sondern nur, weil er jetzt „dagegen“ sein musste. Früher war er dafür gewesen wie sie alle. Jetzt aber drohten andere den Reibach zu machen, was verhindert werden musste.
„Einen kleinen dreckigen Bürgerkrieg“, sagte der noch viel kleinere Deutsche und grinste unverschämt. Bald sei Fußballeuropameisterschaft, er selbst sei ja mal Stürmer gewesen, kein schlechter, wenn er das so in aller Unbescheidenheit sagen dürfe. Und wenn er sich hier so umsehe – ein Franzose, ein Spanier, ein Italiener, ein Grieche, ein Deutscher – alle für die EM qualifiziert! Und alle Länder fußballverrückt! Was würde wohl passieren, wenn die EM ausfiele? – Er ließ eine Kunstpause, die er mit einem Grinsen seines nagelneuen Gebisses überbrückte.
Er selbst, der kleine Deutsche also, habe gerade eben in Düsseldorf einen Test initiiert, wie man Fußballevents im Chaos enden lassen kann. „Einfach den Pöbel aufs Spielfeld jagen, das wirkt immer!“ Unangenehme Stimme, oh ja, und dieses Lachen! „Wir schicken 10.000 Hooligans in die Ukraine, davon 3000 deutsche und 3000 englische, das wird ein Heidenspektakel, Tony sagt das auch.“
Ja, genau. Wo war eigentlich der abgewählte Engländer, diese schottische Grinsebacke? Als hätte der deutsche Kleine die Gedanken des französischen Kleinen erraten – was er vielleicht sogar hatte? – sagte er nun: „Tony ist heute leider verhindert, er muss das Thronjubiläum der alten Frau feiern.“ Aha. Die alte Frau. Die konnte niemals abgewählt werden, die Glückliche! Die Welt war einfach ungerecht.
Der kleine Italiener war schon wieder eingepennt. Fußball interessierte ihn nicht, obwohl er sogar einen eigenen Fußballclub besaß. Aber nur, um an die geilen Schnecken von Spielerfrauen zu kommen. Auch er, der kleine Franzose, hatte sich nie für Fußball interessiert, Tischfußball ausgenommen, da hatte er nämlich mitspielen können, so klein wie er war, aber es hatte auf Dauer keinen Spaß gemacht, an einer Metallstange befestigt zu sein und von irgendwelchen besoffenen Idioten in irgendwelchen stinkenden Kneipen herumgewirbelt zu werden. Was wohl seine betörend schöne Frau gerade machte? Er wollte es sich nicht vorstellen. Er stellte es sich vor. Er seufzte. Der kleine Deutsche redete weiter. Nein, das gefiel ihm alles nicht.

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