20.05.2012 –529–

Da geht sie hin, die Alte. Schwankend wie ein Schiff in schwerer See, ansonsten noch gut zu Fuß. Der kleine Mann mit der Schalkemütze begleitet sie, hat sich untergehakt. Das wird doch nicht ihr Lover sein? Wäre schlecht. Für ihn. Rüchel hält sich in sicherem Abstand hinter den beiden. Er wirkt wie ein harmloser Flaneur nach einem Kneipenbesuch. Dabei hatte er sich fast die Füße abgefroren. Schmeichel ist nicht in der Nähe, das hat er professionell gecheckt. Gut für ihn, Schmeichel, sonst wäre der auch noch fällig.

Er wird sie also töten. Muss er wohl. Das Jagdmesser wird er aber nicht am Tatort zurücklassen, alles soll aussehen wie ein misslungener Einbruch, die Bewohnerin überrascht den Übeltäter, der zückt sein Messer und der Rest ist Polizeibericht. Natürlich werden die Bullen über kurz oder lang die Verbindung zum Kaufhausmord herausfinden, so blöd sind sie ja nun auch wieder nicht. Na und? Sollen sie doch eine SOKO aufmachen, „Kaufhausmorde“ nennen oder wie auch immer, wird ja eh nichts dabei rauskommen. Rüchel wird in wenigen Tagen längst aus der Stadt verschwunden sein und nicht mehr wiederkommen. Er hinterlässt niemals Spuren.
Wohnt sie hier? Am Rand der Fußgängerzone? Prima. Sie bleiben stehen, reden miteinander, die Alte drückt dem Kleinen ein Küsschen auf die Wange, der Kleine geht, dreht sich noch einmal um, winkt. Die Alte zieht ihre Schlüssel aus dem Mantel, hantiert umständlich damit, findet das Schlüsselloch nicht auf Anhieb. Jetzt? Nein, zu gefährlich. Der Kleine ist noch in Sichtweite, der könnte sich noch einmal umdrehen. Rüchel sucht sich eine dunkle Ecke, wartet. Endlich hat sie die Tür aufgekriegt, geht ins Haus. Licht wird angeknipst, die Tür fällt ins Schloss. Jetzt heißt es warten.

*

Mein Gott, was war sie abgefüllt! Sie erinnerte sich nur noch vage an das, was an diesem Tag geschehen war, gut so, genau das hatte sie gewollt. Sie schwankte ein wenig und kicherte dabei, obwohl es zum Kichern überhaupt keinen Grund gab. Sie sollte jetzt dringend ins Bad und sich unter die Dusche stellen. Aber wozu eigentlich? Dass sie wieder nüchtern wird? Um Himmelswillen! Lieber geht sie stinkend ins Bett. Erst mal hinsetzen und sich das Gesicht abwischen? Wo ist ihre Handtasche?
Das ist nicht ihre Handtasche. Sie ärgert sich über die Verwechslung, aber war ja irgendwie klar. Und wem gehört die jetzt? Oxana? Vika? Hermine? Annamarie? Annamarie… Die hat doch irgendwas gesagt, oder? Dass in ihrer Handtasche immer noch… was eigentlich? Fällt ihr grad nicht ein. Okay, sie kann ja mal nachgucken.
Sie nestelte am Verschluss der Tasche, funktionierte nicht. Das war der Nachteil des Suffs. Die motorischen Fähigkeiten lassen nach. Und man hört Geräusche, die eigentlich gar nicht da sind. Jetzt zum Beispiel. Als würde sich jemand an der Tür zu schaffen machen. Blödsinn, wer sollte das denn tun. Bei ihr gab es nichts zu holen. Verdammt, warum bekam sie diese Tasche nicht auf?
Also jetzt ganz ruhig. Irgendetwas war in der Tasche, was nicht hineingehörte. Aber was? Es fiel ihr partout nicht ein. Rauschgift? Nö. Irgendein Beweisstück? Schon wärmer. Was war gestern eigentlich passiert? Gerade drehte sich alles in Irmis Kopf. Unten machte es klack, als wäre die Tür gerade geöffnet worden. Unsinn, daran war auch der Suff schuld. Ah! Die Tasche! Endlich offen.
Schritte auf der Treppe. Ganz deutlich. Das bildet sie sich doch nicht ein, oder? Ist sie wirklich so besoffen? Das sind doch Schritte… Sie greift in die Tasche. Vielleicht hat Annamarie Pfefferspray dabei, das braucht eine Frau heutzutage so dringend wie Lippenstift. Sie bekommt etwas Kaltes, Hartes zu fassen.

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