19.05.2012 –528–

Langweilig, dachte der kleine Franzose. Da hätte er auch im Amt bleiben und einen Abend mit der Bundeskanzlerin verbringen können, wäre vielleicht sogar prickelnder gewesen. Er hockte neben dem kleinen versauten Italiener, der soeben eingenickt war und auf seine Hemdbrust sabberte. Ihm gegenüber der etwas größere Spanier, den sie aber dennoch aus dem Amt gejagt hatten, daneben der schnauzbärtige Grieche, der sich tagsüber nicht mehr auf die Straße wagte, weil sie ihn dort ständig anspuckten. Feine Gesellschaft, dachte der kleine Franzose, wo bin ich denn hier reingeraten? Und, zum Teufel, worauf warteten sie eigentlich noch?

Auf den kleinen Deutschen, hatte der Mann gesagt, der ihn in die Wohnung gelassen hatte, dann aber spurlos verschwunden war. Den kleinen Deutschen? Hieß das, es habe VOR der Bundeskanzlerin einen Regenten in Deutschland gegeben? Na klar, bestätigte es der Grieche, der ist aber jetzt Vasall Putins. Putin? Hm, der kleine Russe also. Der es immerhin so drehen konnte, selbst dann, wenn er nicht mehr gewählt werden durfte, die Macht zu behalten, bis er es so dreht, dass er wieder gewählt werden darf. Cleverer Kerl. Genau, nickte der Spanier. Und der kleine Deutsche steht jetzt in Moskau rum, kassiert Kohle und klatscht, wenn Putin auch nur den Mund zum Atmen öffnet. Sozialdemokrat übrigens. Wir sind eben die flexibelsten.
Der Mann, der sie hereingelassen hatte, tauchte jetzt wie aus dem Nichts auf und schaltete wortlos den Fernseher an. Auf die Frage, was denn los sei, zuckte er nicht einmal mit den Schultern. Also sahen sie fern, bis auf den kleinen Italiener, der noch immer schlief und sabberte und von minderjährigen Jungfrauen träumte, die ihre Jungfernschaft dreimal täglich meistbietend anpriesen. Eine Trauerfeier. Der kleine Franzose stöhnte. Wer war denn jetzt wieder gestorben?
Ein Schweizer namens Cthulhu, erklärte eine Endlosschriftschleife am unteren Bildrand. Aha, dachte der kleine Franzose, kenn ich nicht. Sollten Sie aber, belehrte ihn der Grieche. Der Typ war ganz groß im Bücher-über-den-Dächern-Zürichs-Entsorgen, ein Monopolist der Scheißhausmetapher obendrein. Aha, sagte der kleine Franzose. Er verstand immer nur Gare, was Bahnhof heißt, aber Bahnhof hätte er nicht verstanden, er flog lieber um die Welt. Und der ist tot? Traurig, ja. Aber tot waren sie hier im Raum doch alle irgendwie, oder? Nicht nur dieser Schweizer Präsident.
Nun ja, erklärte der Grieche, dieser Cthulhu war gar kein Präsident. Er hat sich in Krimiforen herumgetrieben und ständig von Scheißhäusern und Krimis geschrieben. Komischer Vogel. Hm, sagte der kleine Franzose, und für den veranstalten sie so eine Trauerfeier mit Fernsehübertragung? Und war das überhaupt ein richtiger Schweizer oder doch nur einer von diesen Ausländern, gegen die der kleine Franzose immer gewettert hatte, um die Stimmen der Ultrarechten zu erhalten. Bei dem Namen… Cthulhu, das klang irgendwie griechisch.
Nö, sagte der Grieche, der hieß auch Marco. Okay, sagte der Spanier, auch kein original Schweizer Name. Genau, pflichtete ihm der kleine Franzose bei, die heißen alle Urs oder Friedrich.
Es klingelte an der Tür. Endlich, dachte der kleine Franzose. Der kleine Deutsche, das musste er sein. Komisch, dass er sie sich an den nicht mehr erinnern konnte. Die Deutschen können sich auch nicht mehr an den erinnern, belehrte ihn der kleine Italiener, der gerade wach geworden war. Er ist immer mit einem anderen kleinen Deutschen aufgetreten, genannt der kleine Grüne. Der konnte nach Belieben schlank oder fett werden, ein Naturtalent. Ja, ja, macht auch in Gas.
Sie hörten Stimmen im Vorraum, Lachen. Dann wurde die Tür geöffnet und, immer noch dröhnend lachend, betrat der kleine Deutsche den Raum. Er sah sich um, sagte „Na hallo“, drehte sich zum Gastgeber. „Erst mal ne Flasche Bier, Kollege. Und dann sag mir mal einer, was ich hier soll.“

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