18.05.2012 –527–

So ganz hatte sich Irmi von den Ereignissen noch immer nicht erholt. Hermine und die Wirtszwillinge versorgten sie mit Eierlikörnachschub, allmählich verschwand das Schockierende, beinahe Traumatische in einer Aura aus Alkohol mit klebrigem Beigeschmack. Ein wenig schämte sie sich auch für ihren Schockzustand. Hatte sie nicht schon Schlimmeres mitgemacht? Kurt-Georg Kiesinger wird Bundeskanzler, England durch das nie und nimmer drinnene Wembleytor Fußballweltmeister, ein Flughafen will partout nicht fertig werden und ein Ex-Bundeskanzler, der Millionen von Menschen als „Hartzer“ stigmatisiert, verdingt sich als öliger (besser: gasförmiger) Claquer beim russischen Potentaten.

Ja, ja, schlimm, schlimm. Doch dass sie nun als Helfershelferin eines Mordes gesucht wurde – sogar in den Regionalnachrichten war darauf angespielt worden! – das schockierte sie immer noch. War fast schlimmer als 1977, als sie kurzzeitig ins Visier des Verfassungsschutzes geraten war, Sympathisantin des Terrors und was dergleichen mehr Scherze waren. Schreckliche Zeit. Die aktuelle war aber noch schrecklicher.
Auch Borsig saß der Schock noch in allen Gliedern, nicht nur in seinem wertvollsten. Statt mit Eierlikör bekämpfte er ihn mit Bier. IHN? Eigentlich waren es ja zwei Schocks: die Inhaftierung seiner athletischen Bildhauerinnen sowie das Double von Borussia Dortmund, dem ekelhaftesten Fußballverein unter der Sonne. Er überlegte sich schon die ganze Zeit, was nun schlimmer war. Und was tat dieser Moritz Klein, angeblich ein hohes Tier bei der Bundesregierung? Nichts. Er flirtete hemmungslos mit Hermine, die ihm aber unmissverständlich zu verstehen gab, mit Geschlechtsverkehr sei vorerst nicht zu rechnen, solange die Leser eines gewissen Endloskrimis sich solcherlei schriftliche sexuelle Belästigung verbaten. „Prüder Haufen“, fluchte Moritz Klein, zwinkerte Marxer zu, der aus unerfindlichen Gründen Emily Pluster genannt werden wollte.
Marxer war beschäftigt. Er interviewte die anwesenden Damen in puncto „Frauensachen“, es sei Recherche, erklärte der Dichter, „ein Roman aus feministischer Sicht, sozusagen, da muss man doch wissen, wie das weibliche Geschlecht tickt. Ist bei euch das Menstruieren das, was bei uns das Rasieren ist? Nur halt nicht täglich, sondern nur einmal im Monat? Muss ich mir das so vorstellen?“
Vika, die Detektivin, nickte. So könne man das sagen. Die Analogie geht sogar noch viel weiter, sie kenne eine Menge Männer, die sich gewohnheitsmäßig beim Rasieren schnitten, also auch bluteten. Das sei korrekt, bestätigte ungefragt Moritz Klein, „allerdings hat noch niemand Tampons für Nassrasierer erfunden, ich persönlich behelfe mich mit kleinen Stücken Klopapier.“ Das wollte jetzt niemand wirklich wissen und Emily Pluster strich es aus ihren Gedächtnisnotizen.
Irmi verfolgte die Gespräche inzwischen nur noch mit einem Ohr. Der Eierlikör tat seine Wirkung, die jüngste Vergangenheit wurde zu einem bizarren Albtraum, aus dem sie, nachdem sie ihren Rausch ausgeschlafen hatte, frisch und munter erwachen würde. Soeben betrat Annamarie Kainfeld verspätet das Lokal, die Handtasche fest an die Brust drückend. Sie wirkte blass – Annamarie Kainfeld, keineswegs ihre Handtasche, die wirkte nämlich feuerrot. „Ich hab das Ding noch da drin!“ stöhnte sie auf und stellte die Handtasche angewidert auf einen freien Stuhl neben sich. Das Ding? Welches Ding, überlegte Irmi. „Na, die Tatwaffe, das blutige Skalpell!“
Irmi wurde spontan sehr schlecht. Sie sprang mit einem seit Jahren nicht mehr gekannten Elan auf, rannte klowärts, schaffte es knapp über das Klobecken und entleerte sich lautstark. Das Skalpell! Also doch kein Albtraum. Sie würde an diesem Abend noch eine Menge Eierlikör trinken müssen, um sich einen wirklich stabilen Albtraum zu basteln.

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