17.05.2012 –526–

Rüchel geht auf und ab. Nervös, sauer, der finstersten Gedanken übervoll, wie der Dichter sagt. Warum? Ganz einfach: Es ist die Ernüchterung nach dem großen Werk, ein Phänomen, das alle schöpferischen Genies kennen. Man hat Wunderbares geleistet – und kaum ist es vollbracht, schleichen sich die Zweifel ein. War das wirklich alles so perfekt? Hat man einen Fehler begangen? Hätte man etwas verbessern können? Immer mehr solcher beunruhigender Fragen haben sich im Laufe des Tages in Rüchels Kopf selbst hergestellt. Und er sucht nach Antworten. Und die Antworten, die er findet, sind noch viel beunruhigender als die Fragen selbst.

Zum Beispiel: Es hat Zeugen gegeben. Schlimmer noch: zwei weibliche Zeugen. Man kennt das zur Genüge. Frauen, die möglicherweise etwas gesehen haben, haken das nicht ab. Sie bauen es aus. Sie versuchen sich an jedes Detail zu erinnern. Die Verkäuferin und die Alte. Verkäuferinnen haben einen Blick für Kunden, sie sind darin geschult worden. Und ältere Frauen haben sowieso nichts Besseres zu tun, als sich jede Visage zu merken, die ihnen, und sei es noch so kurz, über den Weg läuft. Hätte also nicht schlimmer kommen können, schwant es Rüchel.
Und was tun? Die beiden unliebsamen Zeuginnen beseitigen, falls es nicht schon zu spät ist. Von der Alten berichtet das Radio bisher nur, sie werde gesucht. Vage Beschreibung, mehr nicht. Klar, sie hat allen Grund, nicht zur Polizei zu gehen. Und die Verkäuferin? Von ihr haben sie noch gar nichts gesagt, wird wohl noch befragt. Er muss sich morgen sämtliche Zeitungen kaufen, ok, macht er sowieso, er sammelt alle Rezensionen seiner schöpferischen Leistungen.
Dennoch: Beide Frauen stellen eine Gefahr dar. Sie könnten vor Gericht gegen ihn aussagen, wenn es dazu kommen sollte, was Rüchel nicht hofft. Er ist aber Realist und weiß, dass auch er einmal erwischt werden kann. Sogar Goethe wird doch mal Scheiße geschrieben haben, oder?
Und Schmeichel? Den muss er eh erledigen. Ebenso diesen Moritz Klein. Nein, den müsste er eigentlich nicht erledigen, aber die Fresse von diesem Kerl geht ihm total auf den Sack. Die Welt von ihm zu reinigen, das sollte die ästhetische Verpflichtung eines jeden Menschen mit halbwegs gutem Geschmack sein.
Er verlässt das Hotel. Schmeichel ist nicht in Sicht, wahrscheinlich steht er vor der Marxerschen Villa und überlegt sich innovative Todesarten. Am Ende, das weiß Rüchel ganz genau, wird es auf das Übliche hinauslaufen. Knarre mit Schalldämpfer und dann zweimal kurz durchgedrückt. Phantasielos, deprimierend. Kalt ist es. Kragen hoch und Richtung Kaufhaus. Natürlich wird er die Verkäuferin nicht auf der Stelle umnieten. Er glaubt sowieso nicht, dass sie jetzt noch arbeitet. Die haben sie mit zur Polizei genommen und dann heimgeschickt. Wahrscheinlich hat sie einen Schock erlitten, soll vorkommen, man wird nicht jeden Tag Zeugin eines Mordes.
Nein, er entdeckt sie nicht. Tollkühn, an den Ort eines Verbrechens zurückzukehren, wenn man der Täter ist. Aber macht ihm Spaß, lenkt ihn ab. Er macht sich überhaupt immer zu viele Gedanken. Wahrscheinlich haben ihn weder die Verkäuferin noch die Alte richtig wahrgenommen. Und wenn? Er ist ein schaler Durchschnittstyp, in nichts auffällig. Wenn man ihn sieht, sieht man ihn nicht, gewissermaßen. Dennoch. Sein Jagdinstinkt ist wieder einmal geweckt.
Wo er die Alte auftreiben kann, das weiß er gewiss. In dieser „Bauernschenke“. Ebenso diesen Moritz Klein und wohl auch Schmeichel, der sich in einer dunklen Ecke vor dem Lokal herumdrückt. Hm. Er macht sich also auf den Weg. Mal sehen, ob heute Nacht noch etwas geht. Er hat das Jagdmesser dabei und die silberne Automatik. Außerdem einen blauen Seidenschal. Für Frauen absolut geeignet.

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