16.05.2012 –525–

Ich hatte Hannes Doreich, diesem merkwürdigen Kommissar aus einem merkwürdigen Buch eines allermerkwürdigsten Autors, mein Herz ausgeschüttet. Wir saßen inzwischen beim zwölften Kaffee und dem siebzehnten Stück Käsekuchen, längst war das altertümliche Café in das Dämmerlicht wattschwacher Lampen getaucht, an den Nebentischen dösten Rentner oder waren längst fort, heimwärts zu Carmen Nebel und Florian Silbereisen oder einer Konzertaufzeichnung der Rolling Stones oder der neuen Castingshow von Dieter Bohlen. „Tja“, sagte Doreich lapidar, „da haben Sie sich ja was Nettes eingebrockt. Und wie wollen Sie die Scheiße jetzt auslöffeln?“

Ich hatte mir das eingebrockt? Doreich lächelte schelmisch. „Ja, ja, schon gut, ER! Wir sind ja nur Marionetten, die ganze Welt ist eine Puppenbühne, das Leben ist nichts sonst als miserable Literatur.“ Hm, das war mir zwar viel zu hoch, aber Doreich hatte ohne Zweifel Recht, ich nickte es ab. „Wenn ich nur etwas tun könnte!“ jammerte ich. „Aber das Ding hat globale Ausmaße angenommen, verstehen Sie? Das ist wie mit der Finanztransaktionssteuer. Sie können mit gutem Willen vorangehen, aber wenn diese dämlichen Engländer nicht wollen, dann funktioniert das nicht.“
„Hm“, machte Doreich und schaute enttäuscht in seine leere Kaffeetasse und auf seinen leeren Kuchenteller. „Klinken Sie sich doch einfach aus. Erklären Sie diesen Roman für beendet. Streiken Sie. Kein Mensch wird es merken. Leser hat diese komische Projekt wahrscheinlich eh keine mehr, der Autor sitzt längst an neuen Schandtaten – ich weiß, wovon ich rede! – und absolviert das Ganze hier jeden Morgen mehr oder weniger lustlos vor dem Frühstück. Also ziehen Sie die Konsequenzen. Ausklinken.“
Eine verlockende Vorstellung. Das alte Leben wieder aufnehmen… kein Geld, kein Job, keine Freunde, nichts als gelegentliches Saufen und andauernde Langeweile. Carmen Nebel, Florian Silbereisen, Richard David Precht, sprich: die komplette televisionäre Verblödungsmaschinerie, nur für mich in Szene gesetzt, der in nicht einmal GEZ-Gebühren bezahlte. Wunderbar. So stellte ich mir das Paradies vor. Und sah mich sogleich nach der Schlange um, weil ich unbändige Lust auf Äpfel verspürte.
Doreich gähnte. Er sei im Urlaub stets so müde, er wisse auch nicht warum. Ja, er habe nach Avignon fahren wollen – und für die deutsche Kriminalliteratur wäre dies auch wahrlich besser gewesen. „Zu spät“, seufzte er, „das Kind liegt im Brunnen. 130 Seiten hat er schon geschrieben, jetzt hat er Blut geleckt, da ist nichts mehr zu machen. Hoffentlich hat sein Verleger einen Arsch in der Hose und lehnt den Mist ab.“
Wir beschlossen aufzubrechen. „Überlegen Sie sich das mit dem Verschwinden“, sagte mir Doreich zum Abschied. „Serienfigur bei diesem Autor, das muss die Hölle sein!“ War es auch. Von Käsekuchentreibstoff angefeuert rollte ich gemächlich in Richtung „Bauernschenke“ und nahm mir vor, den Käsekuchen durch größere Mengen Rührei mit Schinken zu neutralisieren, während der in mir brodelnde Kaffeesee gewohnheitsmäßig mit einem Ozean feinsten Alkohols beruhigt werden würde. Doreich begleitete mich noch ein Stück bis zur nächsten Straßenkreuzung. Bevor wir uns endgültig trennten, legte er mir ebenso väterlich wie freundschaftlich eine Hand auf die Schulter, sah mir warm und lange in die Augen und flüsterte: „Arme Sau“. Dann schieden wir voneinander.
Apropos schieden: Ich hatte mich entschieden. Weglaufen war nicht. Ich würde bis zum bitteren Ende durchhalten, ich würde kämpfen. Was blieb mir auch anderes übrig. Ein Held war ich nicht, ich würde es kaum weiterbringen können als zum Weltenretter. Es war saukalt. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch, pustete Wolken in die Luft, sah mich um, erblickte keinen Verfolger. Sollte ich einen der raren Momente erwischt haben, in denen ich unbeobachtet war? Kein Killer – kein Autor, der mich durch die Nacht bewegte? Letzteres erwies sich als Illusion. Ich trat voll in einen Hundescheißehaufen, wofür nur mein Autor verantwortlich sein konnte. Ich hörte ihn höhnisch lachen.

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