15.05.2012 –524–

Ohlala, sagte der Mann, diese Deutschen! Sind das alles Riesen? Er kam kaum an den Klingelknopf, er musste sich strecken, selbst seine mit hohen Absätzen ausgerüsteten Schuhe brachten ihn kaum weiter. Endlich hatte er es geschafft. Er stöhnte erleichtert. Dennoch fühlte er sich unwohl. Quelle Schande! Okay, so waren nun einmal die Spielregeln der Demokratie. Man konnte abgewählt werden. Was ja, wenn man große Scheiße gebaut hatte, auch gar nicht so schlecht war. Adieu, lieb Vaterland, ich hab den Mist gebaut, ihr müsst ihn wieder wegmachen. Voilà, das war Politik!

Dennoch: Dass es ihn treffen würde, hatte ihn überrascht. Ihn, den Kämpfer! Ihn, den Trickser! Ihn, der vor nichts zurückschreckte! Waren seine Küsse auf die Wangen dieser Kanzlerin nicht als ein Zeichen von Tollkühnheit, von unfassbarer Überwindung um die Welt gegangen? Hatte er es nicht geschafft, pünktlich zur Wahl seiner betörend schönen Frau ein ebensolches Kind zu machen? Und das brachte nichts mehr? Hallo? In was für einer seltsamen Welt lebte er eigentlich, mon dieu? Ja, er hatte eine betörend schöne Frau und ein betörend schönes Kind – und beide nervten. Sie schrieen, sie quengelten, sie gingen ihm bisweilen auf den Geist. Nur deshalb war ihm das Angebot zur rechten Zeit gekommen. Er wollte noch kein Rentnerdasein. Er wollte die Welt verändern. So oder so, das war ihm völlig egal.
Von der Vereinigung hatte er natürlich schon gehört, sie war ein Mysterium, das sich die Staatschefs zuraunten. DIE EHEMALIGEN. Ein Zusammenschluss abgehalfterter Superpolitiker, die nach dem Ende ihrer Amtszeit, nachdem man sie zumeist schnöde aus dem Job und aus den Schlagzeilen gejagt hatte, keine Lust verspürten, ihren einzigen verbliebenen Daseinszweck darin zu sehen, auf Vortragsreisen oder in den Vorständen ihnen völlig unbekannter Aktiengesellschaften gutes Geld zu verdienen. Okay, war nicht zu verachten, nahm man gerne mit. Auch die Partys bei diesem Italiener, der noch kleiner war als er, kamen als willkommene Abwechslung gerade recht, obwohl er, Besitzer einer betörend schönen Frau und eines betörend schönen neuen Kindes das nicht nötig hatte. Nun ja, es war auch nicht so, dass er es völlig unnötig hatte.
Aber die Politik! Diese Chance! Bei den EHEMALIGEN konnte man das tun, was man in der aktiven Zeit bekämpft und verhindert hatte. Man konnte seine Überzeugungen vertreten! Man konnte ehrlich sein! Man konnte über alle Übel des Planeten wehklagen und dabei herrlich vergessen, dass man diese Übel des Planeten selbst heraufbeschworen hatte. Ja, es war eine nette Form, das Gedächtnis zu verlieren. Selbstverständlich ein ehrenamtliche Tätigkeit. Geld konnte man anderswo genug verdienen, siehe oben.
Merde! Warum öffnete niemand? War er zu früh, zu spät? Musste er gar noch einmal auf die Fußspitzen steigen, um die Klingel zu drücken? War das hier ein TEST? Er wurde ein wenig zornig. Zornig werden konnte er gut, das hatte er ebenso gelernt wie das Charmantsein. Er lächelte. Immerhin: Die Kanzlerin würde er nicht mehr küssen müssen. Alle Küsse wären nun für seine betörend schöne Frau, sein betörend schönes Kind und die betörend schönen Kindfrauen, die ihm der italienische Zwerg anbot.
Endlich. Schritte. Umständlich wurde an der Tür hantiert, sie war wohl – was ihn nicht überraschte – mehrfach gegen unbefugtes Eindringen gesichert. Verständlich. DIE EHEMALIGEN waren schließlich der geheimste Geheimbund seit den ZURÜCKGETRETENEN. Pah! Zurücktreten! Was für Flaschen waren das denn? Man gab doch die Macht nicht freiwillig auf! Gut, wenn es nicht anders ging… Aber es ging doch meistens anders, oder? Er hatte es schließlich bewiesen.
Die Tür öffnete sich. Er warf sich in Pose. Ein Mann in vornehmer Livree tauchte auf, musterte ihn, sagte: „Wir kaufen nichts, mein Kleiner, geh heim spielen.“ Quelle Blamage! Er wurde sofort rot im Gesicht und begann zu schreien. Auf Französisch.

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