14.05.2012 –523–

In Berlin ereignete sich währenddessen nichts. Die Sonne schien. Man wartete auf den Frühling. Es schneite. Man wartete immer noch auf den Frühling. Der Frühling kam – und verschwand sofort wieder erzürnt, weil man ihn nicht begrüßt hatte. In Griechenland hatten sie sich unregierbar gewählt, das war die Rache dafür, dass sie einmal die Demokratie erfunden haben. In Nordrhein-Westfalen erklärte ein Spitzenkandidat, die Entscheidung liege leider bei den Wählern. Das war die Rache dafür, dass ihn diese Frau aus Berlin kaltlächelnd abgeschoben hatte.

Diese Frau saß, immer noch kaltlächelnd, in ihrem Kanzlerinnenbüro und hörte zu, wie der Finanzminister wieder vom „Kleinteiligen“ redete. Die Inflation, sagte er gerade, schreite wacker und planmäßig voran. Die Leute hätten einfach kein Kleingeld mehr, sie forderten deshalb Großgeld. Sie drohten mit Streik, sie würden das Land – auch ohne Wahlen – allmählich unregierbar machen. Und das war kleinteilig? Der Finanzminister schnalzte gelangweilt mit der Zunge. Na ja, sagte er, das ist schon ein Hammer. Aber wir brauchen einen Vorschlaghammer, das müsse sie doch verstehen.
Die Frau verstand. Überhaupt: Diese Frau HATTE Verstand. Sie weigerte sich nur, ihn zu benutzen, das taten Politiker nur, wenn sie noch unerfahren waren – und das war sie ja beileibe nicht mehr. Also: Vorschlaghammer. Was er damit meine. Der Finanzminister rollte nervös hin und her, sagte dann: Bürgerkrieg. Wir brauchen einen kleinen Bürgerkrieg. Wir brauchen: Feinde. Die Frau seufzte. Feinde hatte sie doch nun wirklich genug, das musste doch auch der Finanzminister wissen.
Er wusste es auch. Aber er denke an richtige Feinde, richtig große, fiese Feinde, nicht diese Hinterbänkler in der eigenen Partei oder diese Kleinstpartei, mit der man traurigerweise gerade regiere. Die Kanzlerin nickte. Hatte ihr der Finanzminister nicht von dieser Verschwörung erzählt? Dem geheimen Bund der Versager, der Zurückgetretenen? Ja, das habe er, sagte der Finanzminister, aber das sei nun wirklich mehr als kleinteilig. „Die kriegen doch nix auf die Reihe. Übrigens: Sie arbeiten jetzt auch mit der Moritz-Klein-Bande zusammen.“
Aha, sagte die Kanzlerin. Was macht die eigentlich, diese Moritz-Klein-Bande? Nichts, antwortete der Finanzminister. Lupenreine Amateure halt. Aber… man könne das ausbauen. Zwar immer noch kleinteilig, aber vielleicht die Vorstufe für diese richtig großen, fiesen Feinde, ohne die ein kleiner, richtig fieser Bürgerkrieg nicht vorstellbar sei. Hm, machte die Kanzlerin. Aber bitte ohne größeres Blutvergießen. Ich muss an meine historische Darstellung in den Geschichtsbüchern denken. Und was macht der Euro?
Der Finanzminister stöhnte. Über dieses Thema redete er nicht gerne. Viel zu kompliziert, verstand er selber nicht, obwohl er auch Verstand besaß, aber vielleicht zu viel Verstand. Um den Euro zu verstehen, musste man dumm sein. Er erinnerte sich an die alte erotische Weisheit „Dumm fickt gut“ und wandelte sie in „Dumm kapiert gut“ ab. Na immerhin: „Die Griechen sind wir bald los, das kostet uns eine Menge Geld, ist aber im Resultat auch eher kleinteilig. Spanien ist etwas großteiliger, aber auch noch relativ kleinteilig, Frankreich, das wäre richtig großteilig, gut, dass Sie Sarkozy im Wahlkampf unterstützt haben, damit Hollande gewählt wurde.“
Ja, das hatte sie gut gemacht, das wusste sie selber. Das freundliche Hinauskomplimentieren von Luschen aus den Machtzentren, das war ihre Spezialität. Und Island? Der Finanzminister schnaufte nur verächtlich. Island? Das sei ja nun wirklich dermaßen was von kleinteilig, da müsse man schon mit dem Mikroskop ran gehen. Aber wenigstens: „Die stehen kurz vor dem Bürgerkrieg. Die Leute haben die Schnauze voll. Wird zwar alles sehr sehr kleinteilig, aber als Studienvorlage unverächtlich.“ Gut, sagte die Kanzlerin. Also suchen wir uns einfach einen großen, fiesen Feind. Der Finanzminister nickte. Endlich hatte die Alte verstanden.

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