13.05.2012 –522–

Während Marxer sich bei Amazon eingeloggt hatte, um dort unter falschem Namen seinen letzten Bestseller, der sich leider nicht sonderlich gut verkaufte, zu loben, war es Rüchel endlich gelungen, seinen Account bei Mordsjungs.de zu aktivieren. Er hasste das Internet. Nie funktionierte etwas so, wie etwas funktionieren soll, jeder Idiot konnte sich dort artikulieren und die Pornos waren meistens von miserabler Bildqualität. Mordsjungs.de indes war Pflicht, ein, wie man heutzutage sagte, Must-Have oder Must-Go für jeden professionellen Killer, ein Schaufenster des Berufs.

Es gab dort nicht nur eine Jobbörse, sondern, wichtiger noch, ein Forum, in dem man die Arbeit der Kollegen fachgerecht rezensieren konnte, ein Amazon für Killer also, eine Krimicouch für Leute, die nicht über Morde lasen, sondern sie selbst begingen, weil sie nicht Bäcker, Arzt oder Beamter gelernt hatten. Und wie bei Amazon oder Krimicouch war auch bei Mordsjungs.de die Unsitte eingerissen, dass die Killer ihre Werke unter fremdem Namen selbst rezensierten. Immer, wen wundert’s, euphorisch.
Rüchel gab Ort und Datum seiner Arbeitsleistung ein, schrieb als Überschrift „Ein Mord für Feinschmecker“ und überlegte sich den ersten Satz. Der war der wichtigste, da unterschied sich die Killerei in nichts von der Literatur. „Dieser Mord war nicht einfach nur ein Mord. Er war ein Metamord, ein Mord an einem Mörder, zugleich eine ästhetisch-kulinarische Delikatesse, nach der sich der gewöhnliche Auftragskiller sämtliche Finger leckt, die er aber niemals zwischen die Zähne bekommen wird.“ Sehr schön, befand der Autor und fuhr nun in knappen Sätzen mit der Beschreibung der Tat fort, unter Würdigung der vorbereitenden Maßnahmen und des großen Planes dahinter. Er schloss mit den Worten: „Der Killer zeigt hier, in einer Art nostalgischem Rückgriff, wie das leider längst am Boden liegende Handwerk durch gewisse Reminiszenzen an das Golden Age des Killens wiederbelebt werden könnte, an die guten alten Zeiten des Kunstmordes, als dieser noch nicht profitorientiert war, sondern gleichberechtigt neben solchen artistischen Leistungen wie Trockenblumenherstellen, Hochhäuser-aus-abgebrannten-Zündhölzern-Bauen oder den-Krimi-neu-erfinden stand. Chapeau!“ Er las seine Rezension noch einmal konzentriert durch, verbesserte sie gründlich und schickte sie ab in die flirrende Welt des Digitalen, wo sie von den Berufskollegen wohlwollend und inspirierend zur Kenntnis genommen werden würde.

*

Dämliches Arschloch, dachte Schmeichel und loggte sich aus. Er mochte diese Seite nicht, schon der Name! Mordsjungs.de! Das klang irgendwie schwul für seine Ohren. Er hatte nichts gegen Schwule, er verabscheute und hasste sie nur. Dieser Rüchel übertraf in seiner Arroganz indes alles, obwohl… den Killer mit dem Regenschirm hatte er sauber aus dem Weg geräumt, das musste ihm der Neid lassen. Was ihm aber fehlte, war das wirklich Innovative, der Kick auf die nächste Stufe der Tötungskunst gewissermaßen. Das hier war old school. Solide old school, das schon, aber eben old school. Mit einem Skalpell? Durfte Rüchel das überhaupt? Hatte er eine Approbation? Schmeichel loggte sich aus. Den Schmarren las sowieso kein Mensch. Höchstens jemand, der in seinem Hotelzimmer saß und sich langweilte.
Die Observation der Marxerschen Villa hatte er abgebrochen, als Moritz Klein und die Seinen diese verlassen hatten und sich in alle Winde verstreuten. Wem folgen? Moritz Klein? Brachte jetzt wenig. Er wusste noch nicht einmal, wie er ihn töten würde. Jedenfalls innovativer als dieser Rüchel. Das gäbe eine Rezension! Auch Schmeichel hatte es sich angewöhnt, seine Arbeit in unter fremdem Namen verfassten Kritiken zu würdigen. Machte doch jeder. Nun aber langweilte er sich. Er loggte sich ein und bei krimi-couch.de ein. Er musste das neueste Werk von Dieter Paul Rudolph besprechen, „Der Bote“, ein klasse Buch.

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