12.05.2012 –521–

Nach einer Fortsetzung des üblichen Büroallerleis war an diesem Nachmittag weder Annamarie Kainfeld noch mir. Borsig hatte wortgewaltig über die Auffindung der Killerleiche berichtet, „na, der hat jetzt keine Sorgen mehr!“, was Marxer sofort erzürnt hatte, erinnerte es ihn doch an seinen Konkurrenten Guido Rohm, dessen „Die Sorgen der Killer“ bei Amazon bereits acht euphorische Rezensionen eingeheimst hatte. Im Stillen nahm er sich vor, diesen grandios gescheiterten Mist durch einen noch grandioseren Verriss vom Kopf auf die Füße zu stellen, er musste sowieso heute noch auf der Amazon-Seite vorbeischauen, weil es an der Zeit war, eine anonyme Lobeshymne auf sein letztes Werk, „Butterfahrt ins Verderben“, der digitalen Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen.

Wir verabredeten uns also für den Abend in der „Bauernschenke“ und gingen unserer Wege. Der meinige führte mich in eines der kleinen altertümlichen Cafés der Vorstadt, wo sich die Dielenböden vor Betagtheit biegen und mit ihnen die umherschlurfenden Bedienungen, von denen sich nicht wenige noch an die Zeit erinnern können, als Charles De Gaulle, als er mal auf der Durchreise war, den Käsekuchen des Etablissements gelobt und Konrad Adenauer dazu bestätigend genickt hatte. Ob Herr Hollande und Frau Merkel hier einmal auftauchen würden? Es war nicht anzunehmen.
Ich bestellte Kaffee und Käsekuchen. Viel Betrieb. Alle Tische waren besetzt, Menschen, die wie ich auf Kaffee und Käsekuchen, dazu noch auf den Tod warteten, einen natürlichen, möglichst schnellen, während ich ebenfalls auf den Tod wartete, einen unnatürlichen natürlich, aber dafür umso schneller. Ein Mann, Anfang oder Mitte 50, betrat nun den Raum, sah sich suchend um, fand einen freien Platz, der sich unglücklicherweise an meinem Tisch, mir gegenüber auftat. Er grüßte stumm mit einem Nicken, setzte sich und sagte: „Ich frage erst gar nicht, ob hier noch frei ist. Sie sehen nicht aus, als würden Sie auf jemanden warten. Ich warte auch auf niemanden. Mein Name ist Hannes Doreich, Sie kennen mich nicht. Resi, das gleiche wie der Herr, bitte!“
Hannes Doreich? Stimmte; der Name war mir fremd. Aber das Gesicht kam mir bekannt vor. Ich kramte in meinen Erinnerungen, Doreich sah mir dabei zu. Und sagte dann: „Sie haben mich schon einmal gesehen, ja? Ich Sie auch. Sie waren einer der Typen aus der ‚Bauernschenke‘, Sie erinnern sich gewiss, damals, als die von der Polizei umstellt war. Ich bin Polizist, aber eigentlich Mordkommission. Nur an dem Abend hatten sie Personalmangel und da musste ich beim Umstellen helfen.“
Mordkommission? Ich erschauderte. Ob er etwas wusste? Das Erschrecken musste mir im Gesicht stehen, denn Doreich sagte, während Resi ihm Kaffee und Käsekuchen hinstellte: „Erschrecken Sie nicht, ich bin privat hier. Ich hab nämlich Urlaub. Noch zwei Wochen.“ Das beruhigte mich. „Eigentlich“, fuhr Doreich fort, „sollte ich in Avignon sein. Den ehemaligen Papstsitz besichtigen und diese kaputte Brücke. Das hab ich meinen Kollegen erzählt. Aber… na ja, ich hab mir vorigen Sonntag einen Reiseführer Avignon am Bahnhof gekauft, ich glaub sogar, ich hab Sie vor dem Eingang stehen sehen und rauchen, zusammen mit diesem Typen aus dem Krimi, diesem Lanhoff. Sind Sie auch eine Krimifigur? Ganz im Vertrauen: Ich bin eine.“
Das überraschte mich jetzt nicht. Mein Schöpfer bevölkerte seit einigen Jahren die Welt planmäßig mit seinen Figuren, selbst das Desinteresse der Leser und das leise Fluchen seiner Verleger hinderte ihn nicht daran. „Aha“, quittierte ich Doreichs Geständnis, „dann sind Sie ja gewissermaßen dienstlich hier. Im Dienste der Kriminalliteratur gewissermaßen.“ Doreich nickte. „Kann man so sehen. Aber im Roman hab ich drei Wochen Urlaub und langweile mich dabei fürchterlich. 200 Seiten lang. Furchtbar, oder?“ Ich nickte. Ja, furchtbar. Aber was erwartete man schon von einem Autor, der seine Protagonisten bevorzugt über die Klinge springen ließ? „Nichts“, antwortete Doreich. „Mein Pech wird allerdings sein, dass ich überlebe.“

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